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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:03

Yoshihiro Tatsumi: Existenzen und andere Abgründe

15.02.2012

Von unten

Mit Existenzen und andere Abgründe präsentiert Carlsen eine Werkschau älterer Comics des Gekiga-Pioniers Yoshihiro Tatsumi. Deren Lektüre bereitete CHRISTIAN NEUBERT großes Vergnügen – trotz des ausnahmslos ernsten Grundtenors.

 

Gekiga, das sind Manga mit ernsthaftem Inhalt, die sich an eine erwachsene Leserschaft richten. Die Gattungsbezeichnung selbst ist ein Wortspiel – geschöpft wurde sie aus dem seit langem gängigen »Manga«-Begriff, der übersetzt »komisches Bild« bedeutet. »Gekiga« bezeichnet dagegen ein »ernstes Bild«. Erfunden hat diesen Begriff Yoshihiro Tatsumi. Mit ihm wollte er seine ab 1958 publizierten, eher ernsten und tragischen Geschichten von der damals auch in Japan gängigen Vorstellung abzugrenzen, dass Comics lustig sein müssten.

 

Was seine Comics von denen anderer Zeichner und Autoren seiner Generation abhebt, ist aber nicht nur der Inhalt, sondern auch ihre Länge. Während japanische Comics »in der Regel über Hunderte von Seiten konzipiert werden, waren Tatsumis erste Gekiga aus den 1960er-Jahren zu Anfang gerade einmal sechs bis acht, später bis zu vierzig Seiten lang.« Dies erklärt Stefan Pannor in seinem Vorwort, das den Leser in die Mini-Dramen Tatsumis einführen soll. 

 

Ein Füllhorn an Melancholie und Tragik

Der Sammelband bietet ein Füllhorn an Melancholie und Tragik. In 13 Kurz-Comics wendet sich Tatsumi den Menschen am unteren Rand der Gesellschaft zu. Seine Erzählungen kreisen um die Schicksale von Obdachlosen und Vereinsamten, von Prostituierten und Personen, die in ihren Obsessionen gefangen sind. Der Zweite Weltkrieg bildet dabei nicht selten den Hintergrund der Geschichten. Den einzelnen Protagonisten geht es um die Suche nach flüchtigem Glück, nach einem Lichtblick, der ihre düsteren Existenzen aufzuhellen vermag. Nicht selten mündet die vergebliche Suche im Wahnsinn. Oder im Tod.

 

Den in Existenzen und andere Abgründe versammelten Kurz-Comics merkt man bei der Lektüre nicht an, dass sie bereits ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Hieran lässt sich auch Tatsumis Meisterschaft ablesen – er hat zeitlose Kleinodien geschaffen, die unmittelbar berühren. Ihre zeichnerische Umsetzung kommt ohne jede Schnörkel aus – schnell wird klar, dass es Tatsumi eher um den Inhalt ging als darum, einen Augenschmaus zu kreieren. Dies soll aber nicht bedeuten, dass die Zeichnungen etwas sind, das Tatsumi vernachlässigt hat. 

 

Schnörkellos und fokussiert

Zwar werden einem detailverliebte Großaufnahmen eher selten gegönnt. Dieser Umstand ist aber vorwiegend den Produktionsmöglichkeiten geschuldet, unter denen diese Comics geschaffen wurden. Immerhin musste Tatsumi in ihrer Entstehungszeit im Akkord zeichnen, um als Mangaka über die Runden zu kommen. Dem Lesevergnügen ist dieser Umstand aber nicht abträglich. Denn anders als in der gebotenen Reduktion kann man sich die abgründigen Geschichten kaum vorstellen.

 

Man könnte sagen, Tatsumi habe aus der Not eine Tugend gemacht. Reduktion bedeutet bei ihm keineswegs Verzicht, sondern Fokussierung und Verdichtung. Mit grobem Strich schafft er präzise Eindrücke, die die niederschmetternde Stimmung der einzelnen Episoden trefflich einfangen und zu ihrem jeweils desillusionierenden, aber nicht immer hoffnungslosen Ende führen.

 

Sicher, bei dem heute existierenden Angebot an opulent gestalteten und meisterhaft erzählten Comics drohen Tatsumis komprimiert inszenierte Gekiga ein wenig unterzugehen. Wer nur mal einen guten Comic lesen will, fühlt sich aufgrund Tatsumis kargem Stil an anderer Stelle eventuell besser bedient. Es lohnt sich allerdings definitiv, einen Blick in das Werk dieses Künstlers zu werfen. Zum einen, weil es das mittlerweile gebotene Angebot an hochwertigen Comics mit ernsten Themen ohne seine Pionierarbeit vielleicht nicht gäbe. Und zum anderen, weil seine tragischen Geschichten einfach stark erzählt und umgesetzt sind.

 

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