Der ungreifbare Herr Schock
Die Parallelen zu Fantomas sind überdeutlich: Ein Gentleman-Verbrecher, der den Ermittlern immer einen Schritt voraus ist und eine ganze Armee von Ganoven für sich beschäftigt, der seine Untaten mit Visitenkarten ankündigt und dessen Gesicht hinter mehreren falschen Identitäten ebenso wie hinter seinem weißen Helm verborgen bleibt - man sieht, welchem Vorbild Rosy nacheiferte und was er erreichen wollte, als er den relativ beliebigen Hauptfiguren solch einen Gegner verpasste. Wenn diese zwei Kerle mit undefinierten Jobs, undefinierten Zielen und undefinierten Charakterzügen, die sich hauptsächlich dadurch unterscheiden, dass der eine einen Bart und der andere eine Glatze hat, so schwer greifbar sind, dann braucht es eben den Nimbus eines genialen und faszinierenden Schurken, um der Reihe ein ordentliches Alleinstellungsmerkmal zu geben.
Diese Strategie ist für Rosy offensichtlich aufgegangen, allerdings bedient er sich ihrer in den nächsten Bänden der Serie so häufig, dass es irgendwann in Beliebigkeit abgleitet. Manchmal scheint Schock geniale Pläne zu verfolgen, manchmal scheint er lediglich zu reagieren, manchmal hat er eine weltumspannende Organisation hinter sich und seine Spione überall, dann wieder muss er mit einer Bande kurzfristig zusammengekaufter Kleinganoven auskommen.
Anders formuliert: In manchen der Alben hat Schock ein Ziel und Rosy ein Konzept, in manchen gibt es aber eine recht willkürliche Aufeinanderfolge von Drohungen, Prügeleien, Entführungen und Befreiungen, ein unübersichtliches Hin- und Her ohne erkennbaren Handlungsfaden. Und auch Wills Zeichnungen zu dieser Zeit bedienen solide, aber recht beliebig die damals gängige École Marcinelle; manchmal scheint er sich mehr für die Autos als für die Figuren zu interessieren. Es stellt sich also wieder die Frage: Wie sehr muss man Harry und Platte früher geliebt haben, um dem Charme ihrer Abenteuer heute erliegen zu können?
Hinzu kommt, dass für alte Gin und Fizz-Fans die neue Übersetzung etwas gewöhnungsbedürftig sein könnte. Es ist zwar immer ein löbliches Unterfangen, Übersetzungen aus dem Kauka Verlag nicht weiter zu übernehmen, sondern sich deutlicher an das Original zu halten - aber war ein einfaches »Schock« nicht wirkungsvoller als ein gediegenes »Herr Schock« - auch wenn es im Original »Monsieur Choc« heißt? Und ist es nicht doch spaßiger, und einem Funny aus den Fünfzigern angemessener, wenn der Inspektor Allumette hierzulande Inspektor Zündholz heißt?
Wie bitter diese Wermutstropfen dem Einzelnen schmecken, darüber werden die Meinungen sicher auseinandergehen. Fest steht dennoch, dass dieser Gesamtausgabe gerade in Deutschland eine lange Lebensdauer zu wünschen ist, denn früher oder später werden Harry und Platte Abenteuer erleben, deren Neuentdeckung auf jeden Fall lohnenswert ist!