Ben hat wahrscheinlich Depressionen, kann seine Wut nicht kontrollieren, außerdem hat er einen komischen Hass auf sich selbst und eine negative Grundhaltung - soweit die Analyse seiner Freundin Miko. Und also ob dies nicht genug Probleme wären, die einer entspannten Liebesbeziehung entgegenstünden, ist er auch noch Amerikaner mit japanischen Wurzeln. Warum dies für Ben ein Unterschied ist, der einen Unterschied macht, erzählt Adrian Tomine in seinem Comic Halbe Wahrheiten.
„Muss alles immer ein tolles ‚ethnisches Statement’ sein? Warum macht keiner dieser Leute zur Abwechslung mal einen guten Film?“ Mit diesen Worten empört sich Ben über den Siegerfilm des „Asian-American Digi-Fest“, das seine Freundin mitorganisiert hat. Tomine, selbst ein Amerikaner asiatischer Abstammung, lässt dieses Verdikt gleich am Anfang des Comics über seinem eigenen Werk schweben, um deutlich zu machen: Dies soll in erster Linie ein guter Comic sein. Nachdem der 1974 geborene Tomine für seine Kurz-Comics, die stark vom Erzählduktus der klassischen Short Story geprägt sind, zu Recht gefeiert wurde (auf Deutsch sind die beiden Sammlungen Echo Avenue und Sommerblond bei Reprodukt erschienen), versucht er sich mit Halbe Wahrheiten zum ersten Mal an einer Geschichte in Buchlänge.
Das Leben als Auszeit
Ben und Miko nehmen eine „Auszeit“. Miko zieht – angeblich für ein Praktikum bei einem Filminstitut – nach New York und Ben bleibt in Oakland bei seinem Kino, das er leitet, und versucht an andere Frauen ranzukommen. Zuerst an eine Performance-Künstlerin, die zwar exhibitionistisch veranlagt ist, aber wegen der Keime nicht küssen will. Dann an die Studentin Sasha, die aber ebenfalls mit ihrer Freundin nur eine „Auszeit“ genommen hatte, die sie wieder beendet – und damit die kurze Affäre mit Ben. In regelmäßigen Abständen unterbrochen werden diese Bemühungen Bens von woodyallenesken Lagebesprechungen mit seiner lesbischen Freundin Alice, für die er auch mal bei einer Familienfeier den „Freund“ geben muss.
Wenn also für Ben die Betonung von „Auszeit“ ganz klar auf „aus“ liegt, hindert ihn das nicht daran, Miko später vorzuwerfen, ihn betrogen zu haben – es sei ja nur eine Auszeit gewesen. Der deutsche Titel Halbe Wahrheiten passt gut zu dieser typischen Art von Ben, mit Ambivalenzen umzugehen. Er ist nur bereit, die Seite der Medaille zu sehen, die ihm gerade nutzt – was nicht selten heißt: die er autoaggressiv gegen sich verwenden kann. Da ist es nicht überraschend, dass er letztlich nicht zu einer Entwicklung fähig ist – und er sich die unbegründete Hoffnung einreden muss, die Krisen in seinem Leben seien auch nur Auszeiten, nach denen alles genauso weitergeht, wie vorher. In einem Interview hat Tomine übrigens bekannt, dass er Ben an einem Erdnussallergie-Schock sterben lassen wollte – was ein durchaus konsequentes Ende gewesen wäre.
Den Kürzeren gezogen
Welchen Unterschied macht es nun aber für diese Bilanz einer gescheiterten Beziehung, dass Ben und Miko Asian-Americans sind? Zuerst scheint Ben derjenige zu sein, für den der ethnische Hintergrund die geringste Rolle für die eigene Identität spielt. Zur Auswahl der Filmemacher bei Mikos Asia-Festival meint er: „Sie mussten aber nicht zufällig auch noch Linkshänder sein?“ Dass dann aber Mikos neuer Freund ein Weißer ist (witzigerweise: ein japanisch sprechender Jude mit indianischen Wurzeln) und er selbst mit Sasha auch endlich eine Weiße im Bett hatte, ist für ihn alles andere als belanglos. Alice gegenüber gesteht er ein, dass er sich als Asiate den Weißen gegenüber sexuell unterlegen fühlt. Der Originaltitel Shortcomings bringt diese Minderwertigkeitsgefühl eindeutig zweideutig auf den Punkt. Sowohl die Probleme mit seiner Identität als Asian-American wie sein verqueres Verhältnis zu Frauen entspringen also einem verinnerlichten und dann verdrängten Vorurteil.
Steckt darin aber das Potenzial zu einem „ethnischen Statement“? In den Dialogen wird immer wieder die Paradoxie vorgeführt, die Bedeutung einer ethnischen Differenz abstreiten zu wollen. Da Bedeutungen über Differenzen konstituiert werden, kann das als anders Wahrgenommene nicht wieder in eine Bedeutungslosigkeit zurücksinken. Wenn der erste Schritt des Rassismus darin besteht, einen Unterschied zu setzten, dann lässt sich dieser Schritt wohl nie wieder rückgängig machen. Tomine spielt mit diesen Widersprüchen, aber er macht seine Hauptfigur nicht zu deren Verkörperung. Bens Identitätsprobleme haben zwar viel mit seinem asiatischen Hintergrund zu tun, aber er ist zu sehr individuelles Neurosenbündel, als dass er allgemeingültige Thesen veranschaulichen könnte.
Gelbe Haut, schwarze Tusche
In völligem Gegensatz zu den feinen Schattierungen der Hautfarbe, die von den Figuren verhandelt werden, beschränken sich die Zeichnungen auf den harten Kontrast von schwarz und weiß. Tomine hat in den letzten Jahren einen Zeichenstil perfektioniert, der zwar einerseits sehr reduziert und stilisiert ist, dabei aber gleichzeitig nuanciert und ausdrucksstark, insbesondere in der Darstellung von Gesichtern. Tatsächlich zeigen die Panels in der überwiegenden Mehrzahl Gesichter, die Geschichte findet im Wesentlichen in den Sprechblasen statt. Man könnte Tomine also vorwerfen, die spezifischen Möglichkeiten des Mediums zu wenig zu nutzen. Immerhin ein schönes Beispiel dafür, was nur ein Comic kann, findet sich aber doch: Ben kommt durch Zufall an ein Foto, das Mikos Gesicht auf seinem Bettlaken zeigt und das er als Beweis für ihre Untreue ansieht. Das Panel, das das Bettlakenmuster und Mikos Haare in Nahaufnahme zeigt, wiederholt nahezu identisch ein Panel, das sich 30 Seiten zuvor in der gleichen Position befindet, nur sind die Haare hier nicht schwarz und sie gehören Sasha, die gerade mit Ben im Bett ist.
In Halbe Wahrheiten geht Tomine über den andeutenden, fragmentarischen Gestus seiner kürzeren Comics hinaus und öffnet nicht nur einen kleinen Spalt in seelische Abgründe, sondern versucht so etwas wie eine abgerundete Charakterstudie seines Protagonisten zu entwickeln. Mich überzeugen seine kurzen Geschichten mehr, auch weil sie in ihrer Offenheit den Bildern mehr eigenes Leben lassen. Ein herausragend lesens- und sehenswerter Comic ist Halbe Wahrheiten aber ohne Zweifel.