Zum 50. Jahrestag von Castros Revolution blickt die interessierte Welt wieder nach Kuba und wundert sich über ein Land, dass doch allem Anschein nach nicht von dieser Welt ist. Der Comic-Autor Reinhardt Kleist brach im März 2008 auf, um sich selbst ein Bild von Land und Leuten zu machen. Bei einem Bild ist es natürlich nicht geblieben – und diese hat er schon während seiner Reise in einem Blog (noch einsehbar unter www.reinhard-kleist.de) und jetzt in einem Band bei Carlsen veröffentlicht.
Der Comic-Tourist
Havanna – Eine kubanische Reise ist eine Zusammenstellung aus einzelnen Bildern, die das Großstadtleben in Havanna, aber auch Eindrücke vom Hinterland einfangen wollen, und kurzen Comic-Episoden, in denen Kleist von Begegnungen mit Menschen erzählt. Das Buch ist keine Reportage, der Autor bereist Kuba als Tourist und dass er diese Rolle nicht ablehnt oder verdrängt, sondern sie reflektiert und versucht innerhalb ihrer Möglichkeiten neugierig und offen auf die Menschen zuzugehen, macht sein Projekt sehr sympathisch. So ist es auch konsequent, dass er schließlich mit einer Vielzahl von bruchstückhaften und auch widersprüchlichen Impressionen nach Hause fliegt, die sich nicht zu klaren Urteilen verdichten lassen.

Das Konzept der offenen, collageartigen Form scheint auf der ersten Blick eine gute Wahl für ein Reise-Buch zu sein, es macht aber auch schnell deutlich, dass nicht alle der hier verwendeten zeichnerischen Ausdrucksmittel gleichermaßen überzeugen. Bei manchen Bildern, die detailliert ausgearbeitet und sehr bunt koloriert sind, denkt man sich, dass ein Foto zwar weniger von Kleists handwerklichem Geschick, aber doch mehr von Kuba gezeigt hätte. Zumal die Bildkommentare belegen, dass hier durchaus Wirklichkeitsausschnitte dokumentiert und nicht subjektive Perspektiven dargestellt werden sollen.
Die kopflose Statue
Eine Zeichnung zeigt den Treppenaufgang zu dem bekannten Restaurant „La Guarida“. Auf dem Titel des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ vom 19. Dezember 2008 gibt es ein Foto derselben Treppe von Thomas Höpker. Dieser hat einen leicht versetzten Blickwinkel gewählt, so dass über der kopflosen Marmorstatue am Treppenfuß der Schriftzug „Fidel“ schwebt, der unter einem Zitat an der Wand angebracht ist. Der Vergleich von Zeichnung und Foto ist aufschlussreich. Er zeigt zum einen, wie exakt Kleist sein Motiv wiedergibt. Aber allein der schmutzige, abbröckelnde Wandputz auf dem Foto vermittelt mehr von diesem Ort als die Komposition Kleists, obwohl dieser die Treppe noch mit zwei Personen
bevölkert.

Dagegen schafft Kleist mit seinen schwarz-weißen Skizzen eine Reduktion und Akzentuierung, die eine Fotokamera nicht leistet. Aber das eigentliche Geschäft eines Comic-Autors ist natürlich das Erzählen durch ein Abfolge von Bildern und auch bei diesem Band hat man den Eindruck, dass Kleist hierbei seine Fähigkeiten am sinnvollsten einsetzt. Die letzte Episode zeigt dies wunderbar auf nur einer Doppelseite: Zuerst liefert der Abreisende sich ein kleines Streitgespräch mit Castro, der von den allgegenwärtigen Plakatwänden herab antwortet. Später, zurück in Deutschland, wird dem Lob auf die Heimat („freie Presse“) durch satirische Nadelstiche die Luft ausgelassen („Auch diese Zeitung gehört jetzt Medienmogul Murdoch“). Hiervon hätte man sich mehr gewünscht.
Wie zeichnet man Sozialprogramme?
In einer kleinen Szene schimpft ein Plakat-Fidel, die Europäer würden sich nur für „pittoreske Armut“ und nicht für „die vielen sozialen Programme“ oder die „fortschrittliche Energiewirtschaft“ interessieren. Der Autor, Skizzenblock in der Hand, antwortet darauf: „Wie soll man das denn bitte schön zeichnen?“. Die Frage ist einerseits berechtigt, andererseits habe einige Comicautoren in den letzten Jahren gezeigt, dass ihr Medium durchaus mehr von der Welt erschließen kann, als das, was direkt abbildbar ist. Die wunderbaren Bücher von Guy Delisle sind ein Beispiel dafür („Shenzhen“, „Pjöngjang“ und „Aufzeichnungen aus Birma“, auf Deutsch alle bei Reprodukt erschienen). Oder das dreibändige Werk „Der Fotograf“ von Guibert, Lefévre und Lemercier (Edition Moderne), mit seiner äußerst gelungenen Verbindung aus Schwarz-Weiß-Fotografien und minimalistischen farbigen Comicbildern.
Die Aura der Evidenz, das Gefühl, direkt auf die Welt zu blicken, das uns ein Foto bei allem Wissen um seine Manipulierbarkeit immer noch gibt, ist von einer Zeichnung nicht zu erreichen. Aber Beziehungen zwischen Bildern und zwischen Bild und Text zu stiften ist Vorrecht und Aufgabe von Comics. Viele der in letzter Zeit zahlreich veröffentlichten nicht-fiktionalen Comics zeigen, dass sie auch und gerade in diesem Gebiet Eindrucksvolles leisten können. Reinhard Kleists Havanna führt sowohl die Möglichkeiten wie die Grenzen eines dokumentarischen Comics vor Augen.