Gewöhnlich ist an dieser Familie so gut wie nichts. Schon das Familienoberhaupt muss – gelinde gesagt – als skurriles Sammelsurium klischierter Superlative verstanden werden, ist Sir Reginald Hargreeves doch Millionär, Olympiasieger, Nobelpreisträger, Erfinder der „Fantastischen Frühstücksflocken“ und Außerirdischer in einem.
Seine Zöglinge stehen ihm dabei in nichts nach. Schließlich erblicken Sir Reginalds sieben Adoptivkinder auf höchst seltsame Weise das Licht der Welt: unbefleckt empfangen und rund um den Globus durch eine temporäre Koinzidenz geboren, jeder mit einer übernatürlichen Gabe versehen. Fortan verbringen sie ihre Jugend in der titelgebenden Umbrella Academy, einem pompösen Anwesen im viktorianischen Stil, um unter Obhut und Weisung ihres reichen Gönners und in Gesellschaft von Dr. Pogo, einem sprechenden Schimpansen mit Hochschulabschluss, auf keine geringere Aufgabe als die Rettung des Erdballs vorbereitet zu werden.
Bevor es jedoch in der „Weltuntergangs-Suite“, den ersten sechs Ausgaben des Comics, der im vergangenen Jahr den Eisner-Award als beste abgeschlossene Serie erhielt, soweit kommen kann, gehen die Geschwister getrennte Wege, die sich erst am Grab ihres Ziehvaters wieder kreuzen.
Einmal Comic und zurück
Außergewöhnlich ist an diesem Comic aber nicht nur die Geschichte, sondern auch dessen Entstehung. So dürfte Autor Gerard Way einem breiten Publikum weniger als Comic-Genius, denn vielmehr als Frontmann der amerikanischen Rockgruppe „My Chemical Romance“ bekannt sein. Erstaunlicherweise handelt es sich bei ihm aber keineswegs um einen weiteren Musiker auf Abwegen, der abseits der Bühnen nach einem kreativen Steckenpferd Ausschau hält.
Way beschritt den umgekehrten Weg: Nach einem Studium an der „School ofVisual Arts“ in New York versuchte er, als Zeichner im Comicbetrieb Fuß zu fassen, bevor ihm im musikalischen Sektor der Durchbruch gelang. Dass ihn seine kurze Romanze mit der Welt der Comics dabei nie ganz losgelassen hat, kann nicht zuletzt an der visuellen Gestaltung von Plattencovern seiner Band abgelesen werden, für die der Sänger verantwortlich zeichnet.
„Die Geschichte der Umbrella Academy ließ sich am geeignetsten in Comicform erzählen“, erklärt Gerard Way seinen Entschluss, zur sequentiellen Kunst zurückzukehren, anstatt die Superheldensaga etwa in einem Konzeptalbum zu verarbeiten. Da der Rockstar während der Herstellung des Comics jedoch gerade um die Welt tourte, blieb es ihm verwehrt, die Zeichnungen selbst zu übernehmen. Diese Aufgabe kam dem Brasilianer Gabriel Bá zu, der fürderhin auf jede erdenkliche mediale Weise mit seinem Autor korrespondierte, um die Hefte jeweils fristgerecht am Monatsende über die Ladentheke gehen zu lassen.
Cocktail für die Augen, Dynamik fürs Hirn
Bá erweist sich dabei als echter Glücksgriff. Zwar orientiert sich der Zeichner an den Skizzen seines Autors, hebt deren Qualität durch seine Umsetzung jedoch auf einen weitaus höheren Level. Waren Ways Figuren eher verspielt, die Gesichter weich und detailreich, beschränkt sich Bá mit einer klaren Linie und hartem Strich auf das Wesentliche. Bei ihm kommen die Protagonisten der Umbrella Academy kantig und hart daher, von Leben und Familienzwist gezeichnet. Geschickt kontrastiert Bá diesen Minimalismus im Erscheinungsbild der Akteure mit der Präzision seiner Panels, die häufig vor Information geradezu überborden.
Zusammen mit Dave Stewarts extravaganten und immens kraftvollen Farben ergibt sich aus dieser Mixtur ein äußerst reizvoller Cocktail für die Augen, der an vielen Stellen die Sehgewohnheiten herausfordert und an optische Reizüberflutung grenzt.
Der visuellen Überwältigung stehen die narrative Dynamik und die sprunghafte Struktur in nichts nach. Mit enormen Tempo und zeitlicher Raffung werden gleich zu Beginn die ersten zehn Jahre der Superhelden auf lediglich fünf Seiten elegant verdichtet, bevor nach einem kurzen Intermezzo die Geschichte weitere zwanzig Jahre in die Zukunft drängt. Vor- und Rückschauen sind dabei keine Seltenheit. Auch bedient sich Gerard Way gerne unauffälliger Details wie Zeitungsartikeln und Fotografien im Hintergrund der Panels, die die Geschichte der Umbrella Academy implizit vermitteln, dem Leser im Zusammenspiel mit der Bildgewalt Gabriel Bás aber auch eine hohe Aufmerksamkeit abverlangen.
Ambitioniertes Debüt mit kleinen Mängeln
Im dynamischen Erzählstil liegt jedoch auch die – wenn auch minimale – Crux dieses Comics. Mögen die skurrilen Charaktere und die ausgefallenen Einfälle Ways – wie zum Beispiel die Idee, dass die Welt durch Musik zugrunde geht – noch so originell und liebevoll verschroben sein, sie wirken an vielen Stellen wie Raketen, die nicht richtig zünden. Auch bleiben Figurenzeichnung und Informationsvergabe an den Leser aufgrund des knappen Raums größtenteils auf der Strecke.
Vieles in diesem höchst ironischen Universum aus Verschwörungsthriller, Familiendrama, Superheldenpersiflage und Zukunftsvision erscheint vage und unausgewogen, mancherorts gar unlogisch. So beginnt Way nach seiner Exposition mit einer knappen Charakterisierung zweier Geschwister. Anstatt dies jedoch bei den anderen fortzusetzen, lassen die turbulenten Ereignisse des Plots dafür keinen Platz. Zwölf statt der lediglich sechs Hefte hätten der Geschichte gut getan, die so aber sicherlich nie ihren ungemeinen Sog entwickeln könnte. Allen kleinen erzählerischen Makeln zum Trotz muss die Umbrella Academy aber als ein ambitioniertes und überaus bemerkenswertes Debüt gesehen werden, das es schon allein deshalb zu lesen lohnt, da es alles andere als eines ist – gewöhnlich.