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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:08

Ulrich Scheel: Die sechs Schüsse von Philadelphia

09.04.2009

Revolverhelden

Beginn der Sommerferien, ein verschlafenes Dorf im Jahr 1980, vier Jugendliche, die nichts mit sich anzufangen wissen, lähmende Langeweile. In diese Szenerie stolpert ein Revolver, den die Brüder Uwe und Alex auf der Suche nach Süßigkeiten in einem Geheimfach von Omas Kommode finden. Von ALEXANDER FRANK

 

Die Waffe übernimmt die Hauptrolle in Die sechs Schüsse von Philadelphia, einer voluminösen Comic-Erzählung von Ulrich Scheel. Nach zwei Bänden bei Éditions FLBLB in Frankreich ist dies die erste Veröffentlichung des 1976 geborenen Grafikers bei einem deutschen Verlag. Was passiert mit Jugendlichen, die unverhofft einen Revolver in die Finger bekommen, ein Relikt aus dem Zweiten Weltkrieg, aber funktionstüchtig und mit sechs Patronen, gerade genug für eine Magazinfüllung? Wohl kaum ein anderes Requisit bietet sich so offensichtlich für eine Coming-of-age-Geschichte an: Kindlicher Spieltrieb und blutige Selbstermächtigung zum Erwachsenen liegen hier nur einen Klick entfernt.

Philadelphia in Brandenburg

Wenn eine solche Geschichte in einem Dorf namens Philadelphia spielt, könnte man dies als Signal für einen parabelhaften Allgemeingültigkeitsanspruch sehen, immerhin wurde in einem anderen Philadelphia die (amerikanische) Unabhängigkeitserklärung verkündet. Tatsächlich gibt es diesen Ort in Brandenburg aber wirklich, heute gehört er zur Stadt Storkow. Die räumliche und zeitliche Situierung melden also doch einen Anspruch auf Realitätsnähe und Glaubwürdigkeit der Handlung an, sogar so sehr, dass der Verlag sich am Ende zu dem Hinweis bemüßigt fühlt, dass es kein autobiografisches Werk sei.

Die Handlung entwickelt sich zielstrebig von einem Schuss zum nächstem, jeder Schuss erhält sein eigenes Kapitel, jeder Schuss muss natürlich auch den vorherigen überbieten. Während die erste Kugel noch auf einen Hügel abgefeuert wird, den der kleinste der Bande sich als Ungeheuer imaginiert, und dort in einem Baumstamm stecken bleibt, tötet die zweite bereits ein Lebewesen, einen Eichelhäher. Die dritte Kugel fliegt in Richtung eines Menschen, trifft aber nur den Apfel auf dem Kopf von Sabine, die sich den Tell-Schuss als Mutprobe abnötigen lässt, weil sie sich von Uwe und dem Revolver angezogen fühlt und der Bande beitreten will. Bei dieser Gelegenheit wird sie auch noch von den Jungs, die dabei sind, sich an ihre neue Macht zu gewöhnen, dazu aufgefordert, ihre Kleider abzulegen, wogegen sie nicht viel einzuwenden hat.

Präzise Skizzen


Optisch präsentieren sich die Erlebnisse der beiden Sommertage als eine Art Skizzenbuch. Die Zeichnungen sind ohne Panelbegrenzungen auf die weißen Seiten gesetzt, wobei auch die Hintergründe oft nur teilweise ausgeführt sind oder ganz fehlen. Sie wirken so auf das Wesentliche konzentriert und sehr lebendig, was noch durch die Kolorierung in wässrig-fleckigen Brauntönen verstärkt wird. Dabei sind die Bilder aber sehr präzise komponiert und ausgeführt, mit effektvoll eingesetzten Wechseln der Formate (bis hin zu doppelseitig) und der Perspektiven, von Detailansichten bis zu Panoramen in Vogelschau. Es sind vor allem diese grafischen Qualitäten, die den Band auszeichnen.

Denn so angenehm schnörkellos die Erzählung voranschreitet, so durchschaubar und letztlich auch fragwürdig ist ihre Konstruktion. Der schrittweise Verlust der Unschuld von Schuss zu Schuss erhält den Anschein des Notwendigen und Unausweichlichen – dies wird aber nicht durch die Darstellung der Charaktere gedeckt, die zu oberflächlich bleibt, um eine innere Entwicklung erkennen zu lassen. Die Distanz zu den Figuren, der schnoddrige Ton der Dialoge und die moralische Indifferenz des sich zwischendurch als Erzählerstimme zu erkennen gebenden Uwe, sind wohl bewusst als Kontrast zu einer Handlung gesetzt, die am Ende einem Menschen das Leben kostet – und das Leben von einigen anderen einschneidend verändern müsste. Falls aber, wie es den Anschein hat, mit und trotz dieses Understatements die Geschichte einer blutigen Initiation erzählt und außerdem so etwas wie eine Revolverphänomenologie entwickelt werden soll, war der Anspruch zu hoch gegriffen. Aber die Präzision und Leichtigkeit, mit der Scheel etwa die Stimmung eines trägen Dorfsommers und die unsicheren Gesten am Ende der Kindheit einfangen kann, machen Die sechs Schüsse von Philadelphia lesenswert.

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