Barry O’Bomber – dieser offenbar authentische Spitzname von US-Präsident Barack Obama zu Highschoolzeiten (eine Anspielung auf seine Basketball-Künste) – spielt eine zentrale Rolle in der neuesten deutschen Spider-Man-Ausgabe. Der Marvel-Superheld greift ein, als ein Schwindler, der klassische Schurke Chamäleon, bei der Inaugurationsfeier im Washingtoner Capitol anstelle von Obama den Amtseid abzulegen versucht, was offenbar nach amerikanischem Recht bedeutet, dass er im Erfolgsfall die Herrschaft über die USA im Handstreich übernehmen würde.
Schlecht geplantes Schurkenstück
Das Chamäleon hat seinen Coup aber ausgesprochen schlecht geplant: Außer der täuschenden Optik erinnert bei ihm nicht viel an Obama, und er weiß nichts über ihn; keine Gedanken hat er sich auch darüber gemacht, wie er den echten Amtsanwärter beseitigen könnte. Nach seinem Scheitern fehlt ihm sogar Plan B für einen geordneten Rückzug, so dass Spider-Man ihn mit einem einfachen Faustschlag ausschalten kann.
Man kann die Episode nur als ziemlich belanglos bezeichnen. Die Begegnung von „Spidey“ mit dem Präsidenten hat auf lediglich fünf Seiten nicht viel Platz zur Entfaltung (den Rest des Heftes bildet ein eher konventionelles Abenteuer). Außerdem ist zu vermuten, dass die Story mit dem Präsidentenbüro vor der Veröffentlichung bis ins Kleinste abgestimmt werden musste. Dennoch ist das Werk ein Meilenstein in der Comicgeschichte. Der Verlag Marvel unterschied sich von seinem wichtigsten Konkurrenten DC (Superman, Batman) schon immer dadurch, dass er seine Superhelden nicht in einer leicht verfremdeten Parallelwelt agieren ließ, sondern die schizophrene Behauptung wagte, sie lebten im realen New York. Allerdings wird in der Regel höchstens Alltag abgebildet, wohl mit Bedacht gibt es kaum historische Bezüge. Eine Sonderausgabe zu den Terroranschlägen des „9/11“ zeigte dann auch, dass die stärksten Superhelden gegen eine solche reale Katastrophe einfach machtlos sind.
Hier indes beweist der Verlag nicht nur Dreistigkeit, wie er sich der Popstar-Qualitäten des neuen Präsidenten bedient und ihn in „Yes, we can“-Pose auf das Cover seiner erfolgreichsten Comicserie hievt, sondern die Sache hat sogar eine gewisse innere Logik: Als Obama als „Barry O’Bomber“ übers Basketballfeld hüpfte, war er nach eigenem Bekenntnis zugleich eifriger Spider-Man-Fan und –Sammler. In „Spidey trifft Barack Obama“ nennt er den Wandkletterer anerkennend „Partner“, lässt aber sonst von seiner alten Schwäche für den Comichelden nichts erkennen – das wäre sicher nicht präsidial.
Mindestens drei Monate Rückstand
Mit dem Timing des US-Originals, das genau zur realen Inaugurationsfeier im Januar auf den Markt kam, kann die deutsche Ausgabe nicht mithalten. Nach Auskunft von Panini-Sprecher Steffen Volkmer kann ein US-Comic aus technischen Gründen frühestens drei Monate später in Deutschland erscheinen. „Die Amerikaner arbeiten eng am Zeitlimit und machen manchmal noch Änderungen nach den ersten Leserreaktionen“, sagte er auf Anfrage, „und sie geben nichts parallel heraus.“ Dann brauchen die Übersetzung, die redaktionelle Bearbeitung und die Druckvorbereitung ihre Zeit.
Volkmer machte geltend, sein Spider-Man sei immerhin genau zum Nato-Gipfel erschienen, bei dem Obama mit seiner Vision einer Welt ohne Atomwaffen Aufsehen erregte. Wie dem auch sei, an Gelegenheiten zum Anknüpfen an prominente Obama-Auftritte wird es auf absehbare Zeit nicht mangeln.
Würde Spider-Man jetzt öfters Anschläge auf den Präsidenten vereiteln, wäre das auf die Dauer eher langweilig. Interessanter erscheint freilich, ob Marvel aus seinem Comicheld Barack Obama noch mehr macht. Wenn schon der Netzkopf nicht Atombomben in Nordkorea unschädlich machen, gegen Piraten im Indischen Ozean kämpfen oder sich unbequeme US-Senatoren vorknöpfen kann, die weiteren Konjunkturprogrammen nicht zustimmen wollen, könnte doch Obama sein Veto gegen den einen oder anderen Bruch oder logischen Fehler im Spider-Man-Universum einlegen, die sich in den vergangenen Jahrzehnten eingeschlichen haben und Langzeit-Fans erheblich wurmen.
Vielleicht wäre der rot-blau gewandete Superheld aber schon zufrieden, wenn er dank seiner guten Beziehungen zum Präsidenten auf der Dollarnote abgebildet würde, wie er auf dem Cover witzelt.