Die Welt ist untergegangen, doch das ist lange her; viele Jahre nach dem eine hoch technologisierte Gesellschaft durch einen brutalen Anschlag zerstört wurde, heben sich aus der Asche der Ruinen wieder erste Ansätze einer Zivilisation. Primitive Stammesgesellschaften haben sich gebildet, und Magie hat den Platz der Wissenschaften eingenommen. Auf der Flucht vor Sklavenjägern stoßen ein paar Dorfbewohner auf eine Kammer mit funktionierender Technik, die die Zeiten überdauert hat. Sie finden einen Mann, der noch lebt, aber sein Gedächtnis verloren hat. Als auch die Sklavenjäger die Kammer entdecken, zeigt sich schnell, dass der Namenlose ein Krieger ist – im Handumdrehen hat er alle Feinde effizient und gnadenlos niedergemetzelt. Zum Dank nehmen die Geretteten den Mann mit der vom Blut der Feinde roten Hand in ihr Dorf auf. Doch dem Priester der Gemeinschaft ist Redhand, der gegen Magie immun zu sein scheint, ein Dorn im Auge...
The Best of Both Worlds
Ganz grob vereinfachend kann man sagen, dass es im Universum der Comics drei Welten gibt: den amerikanischen Comic mit seinem Fokus auf Superhelden und den monatlich erscheinenden Ausgaben, die erst in der Sammlung eine Gesamtgeschichte erzählen; den europäischen Albenstil und dann natürlich noch den japanischen Manga. Kulturen übergreifende Kooperationen sind immer noch die Ausnahme. Ein Umstand, dem der französisch-amerikanische Verlag Les Humanoïdes Associés mit einer ganzen Reihe transatlantischer Projekte ein Ende zu setzen gedenkt. Eines davon ist Redhand, das jetzt mit Cross Cult auch einen deutschen Verlag gefunden hat. Autor der Comics im franko-belgischen Albenformat ist der Amerikaner Kurt Busiek, der bei Marvel und DC schon für so gut wie jede Superheldenserie geschrieben hat, vor allem aber für seine Astro City-Reihe und seine Conan-Comics bekannt ist. Die Zeichnungen stammen vom Italiener Mario Alberti, der bereits Legs Weaver und Nathan Never illustriert hat und mit der Serie Morgana auch Erfahrungen im Fantasy-Feld aufzuweisen hat.
Conan Reloaded?
Bei einer Fantasy-Geschichte liegt der Vergleich zu Busieks Conan nahe, doch Redhand, Band 1: Der Preis des Vergessens ist ein gänzlich eigenständiger Comic. Das Besondere dabei ist weniger die Geschichte selbst, sondern die Figur Redhand: einen derart nihilistischen Helden wird man selbst im Medium Comic lange suchen müssen. Für Redhand sind Freundschaft und Liebe vielleicht nicht bedeutungslos, aber das hält ihn nicht davon ab, alle Menschen, die ihm etwas bedeuten, ins offene Messer laufen zu lassen, wenn sein Überleben davon abhängt. Busiek merkt man die Freude direkt an, einmal keinen Helden ohne Fehl und Tadel in Spandexkostüm erschaffen zu müssen. Befreit von den Fesseln des amerikanischen Mainstream erzählt er mit viel Gespür für Figuren und Stimmungen ganz ruhig und gelassen eine Geschichte, die immer wieder plötzlich und abrupt in Gewalt geradezu explodieren zu scheint. Cross-Cult hat Der Preis des Vergessens nicht ohne Grund eine Altersempfehlung ab 16 Jahren mitgegeben.
Soylent Grün
Das Artwork von Mario Alberti unterstützt Kurt Busiek dabei mit viel Stilwillen. Kantig und ausdrucksvoll sind die Figuren gestaltet, doch vor allem die Farbgebung fällt auf: Alberti hat die ganze Geschichte mit einem Stich ins Grüne versehen, kontrapunktiert dieses Grün dann aber mit markanten Farbakzenten in kräftigem Rot – und damit sind nicht nur Blutspritzer gemeint. Für Rot-Grün-Blinde ist Redhand vielleicht nicht wirklich zu empfehlen, für alle anderen jedoch schon. Der einzigen Kritikpunkt, den man setzen könnte, ist der, dass die Action-Szenen mitunter etwas unübersichtlich sind – dass der Held etwa zwischendurch von einem drachenartigen Monster gefressen wird, versteht man erst, wenn er sich aus dessen Bauchraum wieder herausschlitzt. Davon abgesehen ist Der Preis des Vergessens wirklich gelungen. Auch Cross Cult kann man ein Lob aussprechen. Der Verlag hat mehrere Seiten Bonusmaterial angefügt, unter anderem eigens für die deutsche Ausgabe geführte Interviews mit Kurt Busiek und Mario Alberti, die für den comicbegeisterten Leser einige interessante Informationen bereithalten. Als Fazit lässt sich sowohl zum Comic als auch zur deutschen Bearbeitung nur sagen: Daumen hoch, mehr davon!