Wer erinnert sich nicht an den absurden Skandal um Hergés Tim im Kongo vor zwei Jahren, dem – nicht ganz zu unrecht – die Darstellung rassistischer Vorurteile vorgeworfen wurde? In der Folge wurde der Band aus den Regalen englischer Kinderbuchabteilungen entfernt; ein kongolesischer Student ging in Belgien sogar gerichtlich gegen den Comic vor und wollte ein Verkaufsverbot erwirken. Diesen Vorwurf kann man der zweibändigen Bilderzählung Rampokan (der Titel heißt so viel wie Tigerkampf) sicherlich nicht machen: Schonungslos werden die historischen Tatsachen des Kampfes der Niederlande um Wahrung ihrer kolonialen Interessen im Indonesischen Unabhängigkeitskrieg 1945-49 vorgeführt. Van Dongen nutzt sie als Folie für eine bewegende Geschichte, in der die politischen und militärischen Ereignisse mit dem Leben und Schicksal von Individuen verknüpft werden.
Nachdem der erste Band Java letzten Sommer bei dem engagierten Berliner Avant-Verlag auf deutsch erschienen ist (vgl. die "Titel-Magazin"-Rezension von Thomas Wörtche vom 23.08.2008), wurde die Geschichte mit dem zweiten Teil Celebes nun in gewohnt hervorragender Druckqualität und souveräner redaktioneller Betreuung zügig zu Ende geführt.
Urzustand Geborgenheit
Der junge Niederländer Johan Knevel, eine Kriegswaise, geboren in der Kolonie, kehrt nach einem Studium in Holland als freiwilliger Soldat in das Land zurück, das er selbst seine Heimat nennt. Dort findet er sich mit einer Situation konfrontiert, die nicht im Geringsten mit der heilen Welt seiner Kindheit vergleichbar ist. Von den Einheimischen als Besatzer, von seinen Kameraden als sentimentaler Weichling betrachtet, ist sein einziges Ziel die Suche nach seiner „Babu“, seinem indonesischen Kindermädchen, die für ihn die Wiedererlangung eines Urzustandes von Geborgenheit bedeutet.
Van Dongen nimmt sich viel Zeit die einzelnen Protagonisten der Geschichte vorzustellen: Neben Johan stehen sein opportunistischer Kamerad Frits, ihr gemeinsamer Vorgesetzter Jonker und das schöne Mischlingsmädchen Lisa im Mittelpunkt der Handlung, deren Komplexität den Leser fordert. Erst am Ende von Band 1 gewinnt die Geschichte an Tempo und Johan wird durch Zufall für einen kommunistischen Untergrundkämpfer auf Seiten der indonesischen Nationalisten gehalten.
In Band 2 erleben wir Johan, wie er, gefangen in seiner unfreiwilligen Rolle, immer nur Spielball der von ihm nicht zu beeinflussenden Ereignisse bleibt. In seiner Heimatstadt Makassar begegnet er seiner Sandkastenliebe wieder. Man hofft, Johan würde diese Chance nutzen, Hilfe und Zuflucht finden. Sein Schicksal könnte sich zum Guten wenden und die Geschichte glücklich enden. Johan jedoch – und das macht ihn zum bedauernswertesten Charakter der an bedauernswerten Individuen reichen Geschichte – wird weitergetrieben, sein Ziel ist immer noch, seine „Babu“ zu finden (und er wird sie – so viel sei verraten – auch finden). Aber, wie schon erwähnt, Indonesien und die Menschen haben sich seit seiner Kindheit verändert…
Innovativ und anspruchsvoll
Vor der Veröffentlichung von Rampokan war der 1966 geborene niederländische Comiczeichner Peter van Dongen hierzulande ein Unbekannter. In seinem Heimatland jedoch zählt er, trotz seines noch schmalen ¼uvres, zu den innovativsten Erzählern anspruchsvoller Comicgeschichten. Rampokan ist erst sein zweites längeres Werk nach dem 1990 erschienen und 1991 mit dem Stripschapprijs für den besten Comic des Jahres ausgezeichneten Muizentheater (dt. Mäusetheater), einer Geschichte über zwei Jungen und ihr Erwachsenwerden im Amsterdam der Großen Depression.
Angeregt durch die Erzählungen seiner chinesisch-indonesischen Mutter, beschäftigte sich van Dongen intensiver mit der Historie. Schließlich arbeitete er jeweils über sieben Jahre an der Konzeption und Abfassung der beiden Comicbände. In dieser langen Zeit der Recherche und des Zeichnens spiegeln sich die Ernsthaftigkeit und Genauigkeit seiner Beschäftigung wieder. Am meisten davon profitieren die Zeichnungen van Dongens, die in ihrer Detailliertheit und Authentizität nicht nur der Illustration der Handlung dienen, sondern zum Stimmungsträger avancieren. Im Stil der von Hergé geprägten Ligne Claire zeigt er die Landschaft und das tägliche Leben, sowohl in den großen Städten mit ihrem frappierenden Gegensatz zwischen prächtiger Kolonialarchitektur und erbärmlichen Lebensumständen der einheimischen Bevölkerung als auch die urtümlichen Verhältnisse in den tropischen Dörfern. Die stimmungsvollen Bilder sprechen für sich, die Kolorierung durch den Einsatz nur einer weiteren Farbe, nämlich Sepia, verstärkt dieses Gefühl. Durch diese bewusste farbliche Beschränkung und die Eleganz der Zeichnungen entwickelt van Dongen eine kantige Interpretation der klassischen Ligne Claire.
Auf Höhe der Klassiker
Zudem ist die Sprache der Protagonisten gespickt mit einer Vielzahl einheimischer Ausdrücke, die die durch die Zeichnungen gegebene Authentizität der Geschichte verstärken. An dieser Stelle sei dem interessierten Leser das in Holland erschienene Skizzenbuch zu Rampokan (Rampokan schetsboek, Oog & Blik Verlag, ungefähr 25 ¤) ans Herz gelegt, das mit einer Vielzahl an Entwürfen und Zeichnungen einen Eindruck von van Dongens Akribie gibt. Rampokan ist auch dem deutschen Leser uneingeschränkt zu empfehlen, bietet sich ihm hier doch die Möglichkeit in eine ihm fremde Welt einzutauchen, etwas über den Verlust von und die Suche nach Heimat sowie über ein unbekanntes Kapitel europäischer Geschichte zu erfahren. Van Dongen erreicht mit dieser preisgekrönten Geschichte ein sowohl zeichnerisches wie auch erzählerisches Niveau, das positiv aus dem Gros der derzeitigen Veröffentlichungen hervorsticht und sich nicht scheuen muss, an den Klassikern des Comics gemessen zu werden.