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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:09

Ben Katchor: Der Jude von New York

07.05.2009

Chronist der Träumer

Zehn Jahre nach seiner Erstveröffentlichung in den USA erscheint die Übersetzung dieses Comic-Klassikers. Endlich. Von THOMAS VON STEINAECKER

 

„Ein Plan, den man zu verwirklichen beabsichtigt; doch es ist ein weiter Weg vom Projekt zur Ausführung & und ein noch weiterer Weg von der Ausführung zum Erfolg. Wie oft verfällt der Mensch auf unsinnige Unternehmungen!“ So definiert 1746 Denis Diderot in seiner Enzyklopädie das Wort „Projekt“. Tatsächlich sind Projekte seltsame Zwittergeburten. Sie stehen zwischen der handfesten Wirklichkeit und einer Fiktion, von der unklar ist, ob sie jemals realisiert werden kann. Scheitern Projekte (und die leicht negativ gefärbte Konnotation des Begriffs verrät, dass dies nicht selten geschieht), dann bleibt ein seltsames Vakuum zurück: Einerseits hat da jemand ja tatsächlich gearbeitet und geplant; andererseits ist oft von den Früchten dieser Arbeit kaum mehr etwas zu sehen.

Dass viele Projekte zu fantastisch klingen, um wahr zu sein, tut ein Übriges. Und bald, im Rückblick, erscheint alles eher wie der Stoff eines Romans als wie die nüchterne Wirklichkeit. Das macht gescheiterte Projekte nur schwer fassbar: Sie klingen schlichtweg zu fantastisch, um glaubhaft zu sein; und überhaupt: Worin sollte der Nutzen der Erfassung solcher verstiegener Vorhaben liegen?

In Deutschland ist der Autor und Filmemacher Alexander Kluge ein leidenschaftlicher Chronist des (gescheiterten) Projekts: Von den authentischen Plänen eines Kanalbaus durch die Alpen über Weltraumbesiedelungsvorhaben bis hin zu alltäglichen „Projekten der Liebe“ – kein noch so hanebüchenes Unternehmen scheint Kluge nicht einer Notiz würdig. Doch geht es ihm dabei nicht um eine Aneinanderreihung von amüsanten Anekdoten menschlicher Verfehlungen; Kluge schreibt eine Chronik der Gefühle, eine Chronik dessen also, was in geschichtlichen Darstellungen unter den Tisch zu fallen droht: die Wünsche und Träume, die ganz wesentlich den Lauf der Welt beeinflussen.

Kluge hat dafür einen einzigartigen Stil aus Abbildungen und Kurztexten entwickelt. Das scheinbar Irreale bleibt dank der Dokumente in der Wirklichkeit verankert.

Gestatten: Knipl

Das Projekt des US-Comicautors Ben Katchors, Jahrgang 1951, ist in vielen Punkten mit dem Kluges vergleichbar: Sein Blick gilt dem Abseitigen, dem scheinbar Wertlosen und jenen Menschen, die es zum Inhalt ihres Lebens machen. Katchors dreibändige Sammlung von zumeist einseitigen Tagesstrips Julius Knipl, Real Estate Photographer ist voll mit solchen (fiktiven) Kuriositäten, auf die der rastlos durch eine namenlose Großstadt wandernde Fotograf Knipl stößt. Sei es ein Sammler von Zigarettenstumpen, an denen noch Lippenstift klebt, oder eine Firma, die sich auf die Vernichtung von Liebesbriefen spezialisiert hat.

Ähnlich virtuos wie Kluge verfährt auch Katchor mit dem Mixen von Medien; zwar hält er an einer strengen Aufteilung der Seiten in meistens acht oder neun Panels fest; doch bei nur wenigen anderen Comicautoren hat man das Gefühl, dass sie wie Katchor beide Künste, die des Wortes und des Bildes, gleichermaßen beherrschen und auch gleichberechtigt einsetzen. Lange konnte man sich hierzulande allerdings kein rechtes Bild von Katchors Kunst machen, da es in keiner Übersetzung vorlag. Und das obwohl Katchor mittlerweile unbestritten zu jener Generation von Comickünstlern gehört, die wie Chester Brown oder Chris Ware stilbildend für eine ganze Legion von jüngeren Autoren ist.

Endlich, zehn Jahre nach seiner ersten Veröffentlichung in den USA, erscheint nun im kleinen verdienstvollen Avant-Verlag Katchors Hauptwerk, seine Graphic Novel Der Jude von New York.

Der sandige Boden des Kapitalismus

Man schreibt das Jahr 1830. In New York will die Kompanie des „New World Theaters“ ein neues Stück zur Aufführung bringen, die antisemitische Komödie Der Jude von New York. Darin geht es um das authentische Vorhaben des Zionisten Mordecai Manuel Noah, auf einer Insel im Niagara River eine jüdische Kolonie namens Ararat gründen, ein Vorhaben, das allerdings schon bald im Sande verlief. Schon an dieser verschachtelten Ausgangssituation wird klar, dass hier von einer linearen Handlung im konventionellen Sinne nicht die Rede sein kann.

Wie auch in Julius Knipl stehen skurrile Charaktere und ihre abwegige Vorhaben im Vordergrund, in diesem Fall ausschließlich solche, die der damaligen jüdischen Gemeinde New Yorks angehören: von einer Umwandlung des Lake Eeries in einen Pool für Sodawasser über einen Indianer, der die Bibel auf Hebräisch rezitiert und als Mitglied des verlorenen Stammes Israels präsentiert wird, bis hin zum Wörterbuch der Geräusche des Essens und Verdauens. Daneben Kurzbegegnungen mit einer Sekte aus Frischluftfanatikern und einer Anti-Masturabtions-Demonstration.

Meisterhaft webt Katchor all diese Handlungsfäden zu einem Teppich, in dem alles mit jedem verbunden ist, die Geschichte eines Gebäudes mit dem eines Taschentuchs mit dem seines Besitzers und so weiter. Hin und wieder mag der Leser die Übersicht verlieren, was auch daran liegt, dass Katchor es in einigen Panels übertreibt: Die Bilder vermögen kaum die riesigen Sprechblasen mit dem winzigen Lettering zu fassen.

Aber wie er hier seine lakonischen Texte mit seinen poetischen schwarzweißen Wasserfarbenzeichnungen und ungewöhnlichen Perspektiven kombiniert, das macht Katchors Comic zweifellos zu einem der wenigen bleibenden Klassiker des Mediums. Man sollte sich auch nicht von den vordergründig absurden Geschichten des Bandes täuschen lassen; der Grund, auf dem Katchor die Welt des Juden von New York errichtet, ist der der unabgeschlossenen Suche des Judentums nach seiner Identität und der des frühen Kapitalismus. Die Tatsache, dass eben der letztlich zu einem guten Teil aus spekulativen Projekten und damit aus Sand besteht, macht die vorliegende Graphic Novel zu einem ungewöhnlich aktuellen Werk.

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