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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:09

Die Legende vom Changeling 1: Die Missgeburt

21.05.2009

Phantastisch schön

Wenn Pierre Dubois und Xavier Fourquemin in der Legende vom Changeling Historisches mit Phantastischem, Großstadtgrau mit Naturidyll, Sozialkritisches mit Träumerischem, Dickens mit Tolkien vermischen, kommt wahrlich keine Missgeburt zum Vorschein, wie dies der Titel des ersten Bandes vermuten ließe. Von FALK STRAUB

 

Ein Blick auf den hinteren Buchdeckel genügt, um sich in die richtige Stimmung für diesen Comic zu versetzen. Neben einem eher unbeholfen grinsenden Xavier Fourquemin schmunzelt dem Leser ein bärtiger Pierre Dubois, die Pfeife gemütlich in den Mundwinkeln, wie ein alter Märchenonkel entgegen. Darüber steht geschrieben: „Die Legende besagt, dass alle hundert Jahre ein junger Knabe seinen Eltern von den Feen weggenommen wird und dass er verwandelt zurückkehren wird. Fortan wird er sich mit der Natur und ihren magischen Kräften verständigen können. Man sagt, dass dieser Knabe die unheilvollen Wesen bekämpfen wird, die sich dem Herrn des Chaos verschrieben haben.“ Wer nun ein phantastisches Abenteuer voller Nymphen und Trolle, Zwerge, Feen und dunkler Mächte erwartet, wird nicht enttäuscht, vielmehr angenehm überrascht werden.

Capitalism stole my virginity

Denn Pierre Dubois verlegt sein Szenario geschickt in eine Epoche des Umbruchs. Der Changeling heißt Peter Jobson, genannt Scrubby, und wird in eine Bauernfamilie ins englische Dartmoor des ausgehenden 19. Jahrhunderts hineingeboren. Während Mutter Betty nach seinem Verschwinden den Feen ein Opfer bringt, geht der Vater Thomas die Sache ganz rational an und durchkämmt die Umgebung. Scrubbys Schwester Sheila wiederum vertraut auf ihr Wissen um die Kräfte der Natur. Dem Glauben an Mythen steht der Fortschrittsglaube der Großstadt entgegen. Die dunklen Mächte erscheinen nach Scrubbys geheimnisumwitterter Rückkehr dann auch ganz real. In Gestalt von Industrialisierung und Landflucht ziehen sie bedrohlich am Horizont herauf: Als eine verregnete Ernte auf die nächste folgt und der großherzige Gutsherr durch einen skrupellosen Spekulanten mit mysteriös leuchtend roten Augen ersetzt wird, bleibt der Familie nur der beschwerliche Weg in die Hauptstadt.

Vom Regen in die Traufe

Dominiert auf dem Land noch ein sattes Grün die Panels, so bringt Xavier Fourquemin London in gedämpften Grau- und Brauntönen aufs Papier. Die Farben sind ein Spiegelbild des familiären Gemüts. Zwischen Bettlern und Obdachlosen, Prostituierten, Dahinsiechenden und Waisenkindern fristen die Jobsons ein armseliges Dasein in einer viel zu kleinen Kammer. Lediglich der quirlige Scrubby entzieht sich der Tristesse. Neugierig und unvoreingenommen erkundet er auf seinen Streifzügen die Stadt. Selbst in der Gosse findet er immer ein Stück Natur, wenn er mit den Ratten redet oder sich in die Parks der nobleren Viertel stiehlt. Nie vergisst er dabei den Geist des Waldes zu grüßen, ganz so, wie es ihm ein alter Einsiedler seinerzeit in den Heimatwäldern Dartmoors beigebracht hatte. Doch die Idylle, die sich Scrubby selbst erschafft, währt nicht lange. Die Lage spitzt sich bedrohlich zu, als Thomas Jobson während eines Arbeiteraufstands auf offener Straße von einem Schuss der Regierungstruppen niedergestreckt wird. Erteilte dazu nicht der mysteriöse neue Gutsherr den Befehl? Und warum nur leuchten seine Augen?

Phantastische Unschlüssigkeit

Das Schöne an Pierre Dubois’ Szenario ist seine Mischung aus Fakten und Fiktion, die eine gewisse Unschlüssigkeit evoziert. In die Geschichte des kleinen Scrubby, der ganz eins mit der Natur ist, brechen immer wieder die Härte und der Realismus des Alltags ein. Die mythischen Wesen des Waldes kontrastieren mit historischen Ereignissen und Passagen aus dem Werk des englischen Schriftstellers Alfred Tennyson, mit deren Hilfe Dubois eine Folge von Panels kommentiert. Tzvetan Todorovs Phantastikverständnis dringt in Changeling an allen Ecken und Enden durch. Schließlich hält Pierre Dubois den Leser ob der abgebildeten Wesen stets in der Schwebe. Besitzt deren Darstellung objektiven Abbildcharakter oder sind sie Visualisierungen subjektiver Figurenrede und der Gedankenwelt des Protagonisten? Handelt es sich beim finstren, neuen Gutsherrn um den angekündigten Herrn des Chaos oder ist dieser doch eher in den sozialen Gräueln der Industrialisierung zu suchen? Xavier Fourquemin findet für diese Fragen in einer anrührenden Geschichte eines unerschrockenen Kindes, irgendwo zwischen Charles Dickens und J.R.R. Tolkien, wundervoll stilisierte Bilder voll süßer Knollengesichter und dämonischer Fratzen, die Lust auf mehr machen. 

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