LOVE
Wie sieht das aus, wenn ein Bigfoot – oder Sasquatch, wie ihn die Indianer nennen – aus seinem Waldversteck auftaucht? Schwer zu sagen. Zwar gibt es zahlreiche Amateurfotos und –videos und allerlei Spuren des geheimnisvollen Affenwesens, aber die meisten sind gefälscht, und höchstwahrscheinlich gibt es Bigfoots überhaupt nicht.
Der Comiczeichner Richard Corben stellt sich seinen Auftritt so vor: Unberührte Natur, durch die sich eine kleine Straße schlängelt, der Himmel dehnt sich, absolute Stille, arglose, wenn auch häufig mit großkalibrigem Gewehr bewaffnete Amerikaner fahren oder laufen durch die Idylle. Und dann steht wie aus dem Nichts brüllend der riesenhafte Bigfoot hinter ihnen, fegt die Waffen beiseite, schleudert die Menschen ins Gebüsch, als wären sie lästige Insekten, bricht Knochen, zertrümmert Schädel.
Genrestück für Spezialisten
Das ist natürlich ein uraltes Horrormotiv, tausend Mal genüsslich inszeniert, tausend Mal gesehen. Auch wenn die Story von zwei namhaften Autoren stammt, folgt sie penibel allen Genreregeln und bietet dem Leser kaum eine Herausforderung. Der Band Bigfoot, im amerikanischen Original eine vierbändige Miniserie des IDW-Verlags, ist ein Fall für Spezialisten und Kenner. Wie beim Bluesschema kommt es allein auf die kunstvolle Variation an, und für die ist Zeichner Corben zuständig.
Der große Außenseiter des amerikanischen Comics ist Anfang der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts durch ebensolche Horrorcomics in Underground-Magazinen, dann auch in der einflussreichen Zeitschrift Heavy Metal (im Original das französische Metal Hurlant) bekannt geworden. Sie durchbrachen etliche damals bestehende Tabus, sowohl in der Darstellung von Gewalt als auch von Sexualität.
Aufsehen erregte Corben aber auch durch seinen raffinierten Zeichenstil, der durch seine aufwändige Lichtführung und Kolorierung trotz seiner kaum realistischen Wirklichkeitsauffassung extreme Körperlichkeit erzeugte. Der breiten Öffentlichkeit dürfte Corben vor allem durch seine Covergestaltung des Meat Loaf-Albums Bat out of Hell in Erinnerung sein. Bigfoot zeichnete der heute 68-Jährige 2004, also knapp vor dem Eintritt ins Rentenalter. Es ist kaum überraschend, dass Corben heute weder die Originalität eines Werks wie Die Bestie von Wolfton noch Pathos und Märchenhaftigkeit seines großen Fantasy-Zyklus Den erreicht – er bleibt freilich nur wenig dahinter zurück.
Schrecken nur in der Vorstellung
Bigfoots Opfer stattet er mit typisch amerikanischer Naivität aus. Zusammen mit den großartigen, nur wenig kitschigen Landschaftsszenen des amerikanischen Outbacks erzeugt das einen höchst wirkungsvollen Kontrast zum jähen Wüten des Monsters. Eine Stärke seiner Grafik ist, dass Bigfoots Übergriffen zwar keineswegs explizite blutige Brutalität abgeht, sie aber trotzdem meist so diffus abgebildet werden, dass der Schrecken hauptsächlich in der Vorstellung des Betrachters entsteht. Corben kann sich hier ganz ungehindert austoben. Zwei Drittel des Vierteilers sind fast ausschließlich dem wiederholten Einbruch des legendären Monsters in die heile Ami-Welt gewidmet, von dem nur ein alter Sheriff im Nationalpark weiß. Auf den restlichen Seiten schlagen die Menschen unter Führung des Sohnes eines Ehepaars, das dem Bigfoot vor vielen Jahren zum Opfer fiel, schließlich zurück. Die Möglichkeit eines Sequels halten sich die Autoren am Ende offen.
Cross Cult hat den Comic im gewohnten kompakten Kleinformat mit Hardcover veröffentlicht. Corbens Artwork, unterstützt von drei Coloristen, leidet kaum unter der Verkleinerung. Die Schrift in den Sprechblasen ist freilich gerade noch lesbar. Gute Lichtverhältnisse sind beim Schmökern ratsam – aber das gilt für diese Alptraumstory ohnehin.
Andreas Alt
HATE
Keine Frage, alle drei Beteiligten an dieser Miniserie haben sich im phantastischen Bereich unleugbar ihre Meriten erworben. Insbesondere Richard Corben, der für Bigfoot lediglich als Zeichner fungiert, hat mit seinen eigenwilligen Körperbildern in Den das reaktionäre Verständnis des Fantasyhelden-Habitus sarkastisch ad absurdum geführt und auf diesem Wege stets unter der Hand Kritik der Geschlechterrollen und des Konservatismus dieses Genres formuliert. Rob Zombies Filme hingegen präsentieren ganz und gar huldigendes Zitatkino, dessen Motiv- und Sujetmodifikationen indes immer den Zeichen-Diskurs mitzudenken scheinen.
Geglückte Allianz?
Wenn die zwei sich also zusammenschließen, um dem Monster-Motiv auf den Zahn zu fühlen, dürfen ruhig Erwartungen im Spiel sein und so viel sei gesagt: Die vorliegende Mini-Serie erfüllt sie nicht im Geringsten. Der Mythos Bigfoot wird visualisiert als grobschlächtiges Monstrum, als konzentrierte Gewalt und reines Es. Und diesem Es rückt nun inmitten der kanadischen Wälder der traumatisierte Billy zu Leibe, der, so erzählt es der Prolog, als Kind mitansehen musste, wie das Biest seine Eltern zerfleischte und nun, mittlerweile zum Mann gereift, auf Vergeltung sinnt.
Unterstützung findet er dabei in einem Dorfsheriff, der schon lange, weit vor der Ermordung der Eltern, um die Existenz Bigfoots weiß, allerdings selbst ein gebranntes Kind ist und erst dank Billys Unterstützung zum letztlich erfolgreichen Rachefeldzug antreten kann.
Genremix mit reaktionärem Kern
Motivisch ist das Sujet auf Vulgärfreudianismus ausgerichtet: Bigfoot tötet während deren Liebesspiel Billys Eltern in dessen Gegenwart und verschleppt seine noch lebende Mutter in die Dunkelheit. Fortan wird Billy nicht nur explizit von Alpträumen geplagt, in denen Bigfoot seinen Vater ersetzt, sondern auch das Sehen selbst implizit als Schwachstelle etabliert: Geboten wird eine lupenreine Slasherfigur, die beständig aus dem Nichts heraus und ohne Vorankündigung, ohne Geräusche ihre Opfer schlagartig erhascht.
Man muss einem Plot, der das Trauma selbst zum manifesten Mittelpunkt erkoren hat, nicht mit besserwisserischer Logik auf den Zahn fühlen: Wieso kann ein Massenmörder etwa all die Jahre unbeachtet wüten, obgleich die Zahl der Todesfälle längst den dreistelligen Bereich erlangt haben muss? Bloß weil ein Dorfsheriff die Wahrheit verheimlichen will?
Gerahmt wird die Erzählung aus der Ich-Perspektive Billys. Folglich wären dem Handlungsverlauf auch Inkonsistenzen zu verzeihen, wenn das Gespann aus Trauma und Erinnerung es nicht anders zulässt. Aber Zombie möchte altmodisch erzählen und wechselt fortan zu einer personalen Erzählerinstanz. Deswegen sind die Charakterisierungen bloß nötige Staffage, um Bewegung in den Konflikt zu bringen. Der Nährwert speist sich aus dem Zitat, das gänzlich unironisch eingefügt und auch formal fast bieder verarbeitet wird. Der Auftritt des Monsters erfolgt stets in doppelseitigen Splashpanels, der Ausdruck der Angst wird im Detail erfasst, Nahaufnahmen der Augen erfüllen die Panels: Überwältigungstechnik durch simple Schockmomente und visuell derselbe Konservatismus, wie er bereits der Story inhärent ist.
Das Ergebnis ist ein Jason Vorhees mit mehr Haaren im blutrünstigen Amok(leer)lauf. Denn wo man in der Friday the 13th-Reihe gezwungen war, die eigene Rezeptionsgeschichte zu reflektieren, um dem seriellen Konzept neue Facetten abzuringen, geht Zombie den umgekehrten Weg und zelebriert in Gestalt Bigfoots den reaktionären Backlash: Er ist, wie etwa Jason, kein augenzwinkerndes Instrument zur Korrektur des gefährdeten Puritanismus, sondern ganz und gar Projektionsfläche der reinen Rache. Seine Gewalt besitzt weder den subtextuellen Auftrag, den Hedonismus der Opfer zu bestrafen, noch ist sie monströse Manifestation der Angst vor der menschlichen Selbstvernichtung.
In diesem Sinne ähneln die Figuren tatsächlich dem Westerner, wenn sie vogel- und froschperspektivisch heroisiert in voller Waffenmontur den Kampf gegen die bösartige Natur aufnehmen, sie rechtmäßig sich unterwerfen, nachdem sie das kleinste Element der zivilisierten Gruppe, die Familie, zerstört hat. Das folgt der Imaginationskraft des Western-Mythos, der durch Bestialisierung des „Anderen“ den kolonialistischen Blick zu verschleiern sucht und erhält sogar noch moralische Bestätigung, wenn sich herausstellt, dass Bigfoot seine Familie, ganz wortwörtlich, auf einem riesigen Leichenberg gegründet hat.
Was vielleicht apokalyptische Wucht evozieren soll, drängt zum Gegenteil: Ein Fanal zu setzen im Dienste der gefährdeten Ordnung können auch die verarbeiteten Vorbilder – aber die verfügen über ein Zeitkolorit, auf das die Gegenwart warten lässt.
Sven Jachmann