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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:09

Cosey: Auf der Suche nach Peter Pan

11.06.2009

Die Ernsthaftigkeit der Ironie

In der opulenten Neuauflage von Coseys viel zu lange vergriffener Graphic Novel begibt man sich zwischen den Bergen und Schluchten der Walliser Alpen auf ein Abenteuer im sanften Rausch der Nostalgie. Von JENS ESSMANN

 

Wie die meisten seiner Kollegen begleitet auch den Schweizer Zeichner, Autoren und Koloristen Bernard Cosandey – oder kurz: Cosey – ein Thema durch so ziemlich all seine Arbeiten. Nur vorsichtig versteckt hinter Reisen, Erinnerungen, Wünschen oder einfach Bewegungen jeglicher Art ist es das Suchen, was seine diversen Alben zu einem offenen Werk wachsen lässt, dessen Teile eng verzahnt ineinander greifen.

Hier beschäftigt er sich nun zum ersten Mal mit seiner Heimat, der Schweiz, und lässt dort, genauer gesagt in einem abgelegenen Bergdorf im Wallis, einen englischen Schriftsteller serbischer Abstammung nach seiner Familiengeschichte, einem Romanstoff und – man will fast sagen: natürlich – nach der großen Liebe suchen. Wer jedoch großväterliche, mit dem erhobenen Zeigefinger vorgetragene Melancholie befürchtet, darf erfreut feststellen, dass der Band, der das Suchen schon im Namen trägt, mindestens genauso viel vom Finden handelt.

Schlicht und ergreifend ist Auf der Suche nach Peter Pan eine mitreißende Geschichte, die sich durch lang gezogene Loipen und schnelle Sprints von A nach B bewegt, ohne dem Publikum dabei einige durchaus mit Augenzwinkern vorgetragene Kunststücke zu verweigern.

Auf der Suche nach WEM?

Und so überraschen schon die ersten fünf Seiten mit einer Art Vorwort in ruhiger Prosa: André Guex erzählt in schnellen, aber bedachten Schritten die Geschichte der Geschichte, bringt uns die Szenerie des Kantons Wallis zu Zeiten der Jahrhundertwende näher. Gespickt mit Fotos aus eben jener Zeit und einigen Zeichnungen Coseys, in denen man ein paar der Foto-Motive, vor allem aber die ländlich verspielten Details einer Aura erkennt, wie sie der Rückblick auf die lang vergangene Zeit, ihre Moden und Gebräuche legt, wird so das Setting für die folgende Geschichte bereitet.

Mit ausladenden Bewegungen wird man nun ins Geschehen befördert, zuerst ergriffen von der Farbgebung der routiniert in Korrespondenz gesetzten Panels, in denen immer wieder rötlich glühende Gelbtöne den blau schimmernden Schneelandschaften entgegen scheinen. Selten strahlt hier etwas, alles scheint, begraben unter Staub und/oder Schnee, nur schwer atmen zu können. Und doch wird scheinbar jede Anstrengung belohnt, folgt man dem weit gereisten Neuankömmling Melvin Woodsworth, wie er sich mit dem Verve dessen, der nur gewinnen kann, voller Übermut ins Geschehen stürzt. Auf der Suche nach Peter Pan ist eine Abenteuergeschichte und als solche braucht sie natürlich auch ihren Helden.

Verlorene Zeit, gewonnene Tage

Hier haben wir ihn als Karikatur eines künstlerisch begabten Lebemanns vorliegen. Natürlich in gleichen Maßen ausgestattet mit Witz, Verstand und Muskelkraft. Und erst die Menschen, die er in den Bergen trifft: ein knorriger Kutschenfahrer, ein Geldfälscher und Volksheld, die übertrieben offenherzige und dennoch geheimnisvolle Alpenschönheit und jede Menge wortkarge, doch aufgeschlossene Dorfbewohner, die uns schnell vom Charme des Helden überzeugen. Was Cosey dabei vor der ungewollten Parodie wie vor der erzwungenen Hommage rettet, ist die Ernsthaftigkeit seiner Ironie. Natürlich glauben wir keinen Moment lang an ein Wallis, wie wir es hier erleben. Aber Hand aufs Herz: Wer würde einen Comic lesen, der das „echte“ Wallis behandelt, rekonstruiert aus Fotos und Tagebüchern, deren Genauigkeit dann immer noch zu überprüfen wäre?

Was Cosey hier schafft, und er schafft es auf spielerisch leichte Weise, ist, uns das Wallis seiner Träume vorzustellen, eine Landschaft, nach der er sich vielleicht schon in seiner Kindheit, als es sie so schon nicht mehr gab, gesehnt haben mag. Vielleicht hat, wer träumt und sich, wie seine Träume, ernst zu nehmen versucht, stets mit dem Kitsch zu kämpfen, den man unweigerlich nächtens fabriziert. Und vielleicht war in diesem Fall die Übertreibung genau der richtige Weg, sich vor eben diesem Kitsch zu schützen, um nicht pedantisch prosaisch, sondern im besten Sinne verträumt zu wirken.

Okay, aber wo ist nun Peter Pan?

Ist Auf der Suche nach Peter Pan also ein Landschaftsbild verteilt auf hunderte von Panels? Ist seine teils rasant, teils mit ruhiger Bedacht erzählte Geschichte nur ein weiterer Action-Reißer, der sich über ein für dieses Genre recht exotisches Setting retten will? Versteckt sich hinter dem ganzen Spaß nur ein Stück harmloser Volkstümelei? Die Geschichte des trotz aller Widernisse unfehlbaren Helden, der durch die Abenteuer, die er mit ihnen erlebt, seine Freunde und Feinde beschreibt – diese Geschichte allein wäre zu dünn.

Die vielen Panels, die sich vorrangig mit Landschaft und Stille auseinandersetzen – auch mit ihnen würde man keinen erfüllten Abend verbringen. Und so wird der ewig wünschende Peter Pan Chiffre sowohl für die kindliche Verträumtheit der Geschichte als auch für den rauen Zauber der Landschaft. Und das gerade, weil er nie auftaucht, der Peter Pan: Der Titel, so Cosey im dem Band beigefügten Interview, sei ihm durch einen Zufall zugeflogen, und er habe ihn dann einfach behalten, weil er so gut passe. Warum auch mehr verlangen? Erst recht in dieser opulenter Aufmachung ist der viel gepriesene und mit Preisen behangene Graphic Novel-Erstling von Cosey seine 26 Euro durchaus wert.

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