So schlimm wie in Hamburg war es bei Comicfestivals in München nie. Dort hatte man in den 90er Jahren bewusst versucht, abwechselnd mit der seit langem etablierten Biennale in Erlangen einen zweiten Comic Salon aufzuziehen. Obwohl die Veranstalter viel Engagement und Ideenreichtum gezeigt hatten, verloren sich die wenigen Besucher in der umfunktionierten Gemüsehalle im Hamburger Hafen. Und auch die abendlichen Feiern, teilweise auf einem ankernden Schiff, litten unter massivem Besuchermangel. Frust machte sich breit unter vielen, die angereist waren. Nach drei Hamburger Comic Salons war Schluss.
Die Erinnerung daran kam auf, wenn man in München den Viktualienmarkt oder den Marienplatz auf dem Weg zum Alten Rathaus, dem zeitweiligen Comiczentrum, überquerte. Auf dem Viktualienmarkt scheint es ja bei schönem Wetter immer von Einkäufern, Flaneuren, Touristen und Cafébesuchern zu wimmeln. Auf dem Marienplatz wurde am Samstagmorgen eine unübersehbare Menge von Holzbänken aufgebaut und später unter Blasmusikklängen, mit Tanz und gebratenen Ochsen und tausenden von Besuchern, die sich bis in die Nebenstraßen stauten, ein kleines Fest – nämlich der 851. Stadtgeburtstag – gefeiert. Betrat man das Alte Rathaus, war man dem Trubel entkommen. In Erlangen ist das anders: Selbst in Jahren, in denen besorgt über schwache Besucherzahlen geraunt wird, ist die ganze Innenstadt vom Comic Salon beherrscht, sind noch in 20 Kilometern Umkreis alle Gästebetten von Festivalbesuchern belegt. So kann und wird es in der bayerischen Landeshauptstadt nie sein.
Stöbern und Feilschen bis zum Nachmittag
Wenn also die Münchner Veranstalter behaupten, sie böten den alternierenden Termin zu Erlangen, muss man das aus dieser Perspektive sehen. Aber immerhin: Das Comicfestival hat sich im Vergleich zu 2007 deutlich vergrößert. Mehrere neue Veranstaltungsorte rund um den Viktualienmarkt kamen hinzu: das Bier- und Oktoberfestmuseum und die Glockenbachwerkstatt für Vorträge und Diskussionen, das Valentin-Karlstadt-Musäum im Isartor für die Ausstellung über den großen Zeichner Olaf Gulbransson und die mit Finanzproblemen kämpfende Schrannenhalle für die Comicbörse am Samstag. Nicht jede Örtlichkeit schien optimal zu passen – der kleine Schankraum im Biermuseum fasst nur etwa 30 Besucher, und vor allem die Splashpages-Crew, die dort filmen wollte, bekam die Enge unangenehm zu spüren; die Schranne dagegen hätte leicht doppelt so viele Comichändler aufgenommen, was aber den Geschäften offenbar keinen Abbruch tat. Noch am späten Nachmittag wurde eifrig gestöbert und gefeilscht – ein deutlicher Hinweis darauf, dass sich die Börse für Käufer wie Verkäufer gelohnt hat. Die Fans hatten jedenfalls nie das Gefühl, eine zu vernachlässigende Größe im Großstadtbetrieb zu sein.
Wie vor zwei Jahren war ein Gutteil der Ausstellungen in den Kunstarkaden untergebracht, die nur ein paar Schritte vom Alten Rathaus entfernt sind. Ein Besucher hinterließ im Gästebuch die Notiz, endlich sei mal etwas Interessantes in den Kunstarkaden zu sehen. Ob er sich auf die Schau der Donald Duck-Zeichner, die Simpsons- oder die Faust-Ausstellung, die Hommage an Hansrudi Wäscher (Sigurd, Nick) oder den Blick in die Zeichenmappen der Comicaze-Mitglieder bezog, blieb offen. Allerdings ist anzumerken, dass einige Ausstellungen, insbesondere im Alten Rathaus, sehr klein waren; mitunter bestanden sie nur aus etwa zehn Exponaten, häufig fehlten auch Erläuterungen. Wichtig für den Sprecher der Veranstalter, Gerhard Schlegel, war vor allem die Gulbransson-Ausstellung; damit habe man auch die Kunstszene erschlossen. Abgedeckt waren ansonsten die großen Klassiker, der Mainstream und die Mangaszene – „es ist das rundeste Ausstellungsprogramm, das wir je hatten“, hob Schlegel hervor.
Unangefochtenes Zentrum des Festivals blieb das Alte Rathaus, das in seinem spätgotischen Saal wie 2007 die Stände der Verlage und die Bühne der signierenden Künstler beherbergte. Die Treppe in den ersten Stock war wie beim letzten Mal mit einer großen Zeichner-Galerie verziert, so dass das Festival gleich beim Entree Gesichter bekam. Auch hier würde man sich etwas mehr Platz wünschen – es fehlte an Sitzgelegenheiten und ruhigen Ecken, wo man einmal in Ruhe einen Blick in neu erworbene Comicbände hätte werfen oder sich mit Bekannten unterhalten können. Aber darüber wurde allgemein großzügig hinweggesehen, und das Publikum arrangierte sich. Die Veranstalter hatten erwogen, die Verlagsmesse in die Schrannenhalle und die Comicbörse ins Alte Rathaus zu verlegen, aber so, wie es war, passten die Veranstaltungen doch besser zu den Räumen.
Stadtrat zeigt sich wohlwollend
Veranstalter Schlegel wies im Gespräch nicht ohne Stolz darauf hin, dass die Stadt München nach längerer Zeit wieder mal einen Zuschuss von 62 000 Euro gewährt hatte, womit gut drei Viertel des Veranstaltungsbudgets abgedeckt werden konnten. Auch die räumliche Ausdehnung ist wohl in dem Zusammenhang zu sehen, dass die Stadt dem Festival einen größeren Stellenwert einräumt. Einen ausgesprochenen Comic-Förderer in der Stadtverwaltung gibt es laut Schlegel aber offenbar nicht. Das sei eine Entscheidung des Stadtrats gewesen, und die komme mitunter auf verschlungenen Wegen zu Stande. In den Anfangsjahren seien die Festivalveranstalter allesamt SPD-Mitglieder gewesen, weil München traditionell SPD-regiert ist. Dann habe es eine Zeitlang trotzdem keine Förderung mehr gegeben, worauf sich prompt die oppositionelle CSU fürs Comicfest eingesetzt habe.
Und eine weitere positive Entscheidung fürs Comicfestival hob Schlegel hervor: Die großen Verlage Carlsen und Ehapa, die einige Jahre lang nur durch große Comichändler auf dem Festival vertreten waren und ansonsten die Entwicklung in München beobachteten, waren wieder mit eigenen Ständen vertreten. Das bedeutete vor allem auch, dass mehr national und international zugkräftige Comiczeichner – darunter Émile Bravo (Spirou), Flix (Verflixt!), Henk Kuijpers (Franka), Francis Bergèse (Buck Danny) oder Goran Sud¸uka (Y – The Last Man) – das Festival besuchten und zum Signieren zur Verfügung standen. Ehapa ließ freilich seinen Stand von benachbarten Ausstellern mitbetreuen, während bei Carlsen auch Mitarbeiter des Verlages anzutreffen waren.
Dass Carlsen eine Zeitlang nicht auf dem Festival war, lag laut Redakteur Michael Groenewald auch daran, dass sich die Veranstalter erst meldeten, als die Messebudgets schon verteilt waren. Mit Schlegel klappe nun die Kommunikation besser, sagte er auf Anfrage. Das Alte Rathaus mit seiner zentralen Lage und den schönen Räumen sei ein toller Veranstaltungsort. Vor zwei Jahren hätten sich Redaktion und Marketing das Festival bereits angeschaut. Das Programm sei deutlich besser geworden. „Ich bin hier umgeben von lauter zufriedenen Kollegen, und ich hoffe, dass die Organisatoren mit einem positiven Feedback so wie jetzt weitermachen. Wir fahren mit dem Gefühl nach Hause, dass wir beim nächsten Mal sicher wieder dabei sein werden“, sagte Groenewald.
Signaturensammler positionieren sich früh
Nach Einschätzung von Comixene-Chefredakteur Martin Jurgeit sind die bekannten Zeichner vor Ort das wichtigste Motiv für die Fans, das Festival zu besuchen. Tatsächlich war jeden Morgen schon etwa eine halbe Stunde vor Öffnung der Tore im Alten Rathaus ein Grüppchen Signaturensammler anzutreffen, das sich frühzeitig für eine gute Startposition im Rennen um die besten Plätze vor der Bühne positionierten. Wie zu hören war, besaßen die anwesenden Künstler für sie durchaus Zugkraft. Fleißig signiert wurde übrigens auch an vielen Verlagsständen wie bei Alligatorfarm (unter anderem Wittek), Gringo Comics (Martin Frei), Schwarzer Turm oder der Münchner Zeichnervereinigung World of Comics.
Unverzichtbare Akzente im Programm setzen Preisverleihungen. In München wurde nicht nur der Comicpreis „Peng!“ vergeben – unter anderem an den legendären Lehning Verlags-Zeichner Wäscher und die Pionier-Comicforscher Wolfgang J. Fuchs und Reinhold Reitberger. Auch der Interessenverband Comic (ICOM) feierte wie in jedem Jahr seine Independent-Comic-Preisträger und vergab – in der Szene durchaus nicht allgemein üblich – Preisgelder von 2000 Euro. Im Anschluss fanden jeweils Comicpartys statt – und auch damit behaupteten sich die Veranstalter im sicher an Attraktionen nicht armen Münchner Nachtleben. Auffällig viele Besucher wurden am folgenden Tag erst wieder ab Mittag auf dem Festival gesichtet.