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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:10

Paul Hornschemeier: Die drei Paradoxien

25.06.2009

Bewegter Stillstand

Eine Graphic Novel über den Besuch eines Comic-Zeichners bei seinen Eltern, die hochtrabend Die drei Paradoxien betitelt ist und sich damit auf den Philosophen Zeno bezieht, muss eigentlich Hochstapelei sein. Eine Gelegenheit, den hochgelobten Jungstar Paul Hornschemeier zu demontieren? Eher im Gegenteil. Von ALEXANDER FRANK

 

Hornschemeier verwebt in seiner Erzählung fünf verschiedene Stränge oder – wie man vielleicht präziser sagen müsste – Realitätsebenen, die alle durch einen anderen graphischen Stil klar voneinander abgegrenzt sind. Die Basisgeschichte ist ein Tag im Leben von Paul, der seine Eltern besucht, an einer Comic-Geschichte arbeitet und dem Treffen mit einer Internet-Bekanntschaft entgegensieht, mit dem festen Vorsatz sich zu verlieben. Diese Handlung wird immer wieder unterbrochen von Pauls Erinnerung an eine Schlägerei in seiner Kindheit und von dem Comic, an dem er arbeitet und dessen Hauptfigur, die ebenfalls Paul heißt, mit einem Zauberbleistift gegen ein Monster kämpft. Während Pauls „Gegenwart“ von dunklen Braun- und Grüntönen geprägt ist, flirrt seine Kindheit in gelben und roten Rasterpunkten. Der fiktive Monsterkampf dagegen wird in blau gestrichelten Entwurfsskizzen geführt.

Die Narbe am Hals des Kassierers

Neben diesen beiden fragmentarisch über das Buch verteilten Episoden gibt es zwei weitere, die aber als ganze eingebettet sind: Die Narbe handelt von einem Jungen, der durch einen Unfall am Hals verletzt wird und so fast seine Stimme verliert; Zeno und seine Freunde lässt den antiken Philosophen seine Paradoxien vortragen. Diese beiden Teile wirken durch ihren Zeichenstil und ihren vergilbten und zerknitterten Look wie Seiten aus alten Comic-Heften, die einmontiert wurden. Für die Zeno-Geschichte gibt es sogar ein eigenes Cover. Mit der Haupthandlung verknüpft sind sie durch ein scheinbar nebensächliches Detail: Als Paul sich an einer Tankstelle Chips kauft, fällt sein Blick auf die Narbe am Hals des Kassierers, der zudem nur stockend sprechen kann. Die eingeschobene Narben-Episode ist also Pauls imaginierte Erklärung der Verletzung. Durch den Fluss seiner Phantasie ist er äußerlich wie erstarrt, und dies erinnert ihn später an den Philosophen Zeno, der ja versuchte zu beweisen, dass Bewegung nur eine Illusion sei.

Der Sprung von einer amerikanischen Tankstelle in die Anfänge der abendländischen Philosophie wirkt zuerst alles andere als naheliegend, aber auf den zweiten Blick fragt man sich, warum nicht alle Comic-Zeichner ständig an Zeno denken, warum Zeno noch nicht zum Schutzpatron des Comics erklärt wurde. Zeno jedenfalls hätte sicher seine Freude an Bildergeschichten gehabt. Sein Paradox vom Pfeil im Fluge ließe sich wunderbar als Comic veranschaulichen. Denn um den Flug eines Pfeils darzustellen, würde man die Bewegung in eine Folge von einzelnen Bildern auflösen, die den Pfeil jeweils zu einem klein wenig späteren Zeitpunkt zeigen. Auf jedem einzelnen Bild, könnte Zeno nun einwenden, steht der Pfeil aber still, also steht er immer still, und es gibt keine Bewegung. Will man das Argument auf die Realität übertragen, muss man allerdings davon ausgehen, dass Zeit nicht unendlich teilbar ist, sondern aus kleinsten, unteilbaren „Zeitatomen“ besteht. Zeno versucht mit seinen Paradoxien zu zeigen, dass beide Annahmen – kleinste Einheiten wie unendliche Teilbarkeit – nicht haltbar sind und daher Bewegung in der Zeit und Zeit überhaupt als Illusion erkannt werden müssen.

Der Abgrund zwischen den Panels

Um auf den Pfeil zurückzukommen: Noch besser gelingt die Illustration dieses Paradox vielleicht durch das Medium Film. Der Flug des Pfeils bestünde dort aus 24 Bildern pro Sekunde, die kleinsten Zeiteinheiten sind also exakt festgelegt. Auf jedem Bild steht der Pfeil natürlich still, aber auf der Leinwand scheint er für unser träges Auge wirklich zu fliegen – im Unterschied zum Comic, wo der Flug nicht auf dem Papier, sondern in unserer Imagination stattfindet. Dafür ist der Comic offen für die Paradoxien, die von einer unendlichen Teilbarkeit der Zeit ausgehen. Die bekanntere ist die, in der Achilles eine Schildkröte nicht überholen kann, wenn er ihr einen kleinen Vorsprung gibt. Die gleiche Struktur liegt der anderen Paradoxie zugrunde, die hier passender ist: Wenn ein Läufer eine bestimmte Strecke zurücklegen will, muss er zuerst die Hälfte der Strecke zurücklegen. Um diese Hälfte zurückzulegen, muss er aber zuvor die Hälfte der Hälfte zurücklegen und davor die Hälfte der Hälfte der Hälfte und so immer weiter. Die Anzahl der Strecken ist demnach unendlich und da der Läufer sie also nicht in endlicher Zeit zurücklegen kann, wird er sein Ziel nie erreichen.

Im Comic vergeht die Zeit nicht in, sondern zwischen den Bildern. Es findet ein Sprung statt von einem Bild zum nächsten und dieser führt über einen unabsehbaren Abgrund, der sich in dem weißen Streifen zwischen den Panels auftut. Denn egal, ob der Sprung Jahrhunderte überbrückt oder nur einen Augenblick, er kann gar nicht klein genug sein, dass an Stelle des weißen Streifens nicht ein weiteres Bild stehen könnte, oder zwei oder sehr viele. Und diese Bilder müssen nicht einmal Teil des gleichen linearen Kontinuums sein, es kann auch ein Wechsel in eine andere Realitätsebene stattfinden, wie in Hornschemeiers Comic.

Die Rückkehr an die Tankstelle

Zeit, zurück aus der Antike an die amerikanische Tankstelle zu springen: Im Gespräch mit seinem Vater sagt Paul, dass er manchmal das Gefühl habe, sich nie wieder bewegen zu können. Das klingt, als ob er sich bewusst wäre, eine Comic-Figur zu sein. Denn als solche war er kurz zuvor für 14 Seiten stillgestellt, so lange dauert nämlich die eingeschobene Narben-Episode, während der Paul mit seinem Blick auf der Narbe des Kassierers – das Bild wird nahezu identisch vor Beginn und nach Ende der Episode wiederholt – erstarrt. Aber auch wir Nicht-Comic-Figuren fallen immer wieder aus der Zeit oder – anders gesagt – leben nicht nur in der Gegenwart. Unser Bewusstseinsstrom fließt nicht nur horizontal von der Vergangenheit in die Zukunft, es gibt auch eine vertikale Dimension mit unterschiedlichen Schichten, in die wir immer wieder ein- oder abtauchen. Vier davon führt uns Hornschemeier vor: die Erinnerung an vergangene Erlebnisse, Imagination als bewusstes kreatives Schaffen, Tagträumerei als unwillkürliche Assoziation, Aktivierung von erlerntem Wissen. Dass er das Unter- oder Nebeneinander in ein Nacheinander auflöst, erfüllt einerseits die Konvention des linearen Erzählens, macht dabei aber eben auch deutlich, dass es sich um eine Konvention und Vereinfachung handelt.

Die Angst vor dem Stillstand hat für einen Comic-Zeichner auch eine professionelle Komponente: Es ist die Angst davor, dass das nächste Bild nicht gelingt. Denn bis dahin ist in seiner fiktiven Welt die Zeit eingefroren, bis dahin kann der Kampf von Paul mit dem Zauberbleistift gegen das Monster nicht gewonnen werden. Immerhin gibt es die Möglichkeit, immer wieder zu radieren und neu anzusetzen. Im wirklichen Leben ist das anders, also wünschen wir Paul für sein Rendezvous alles Gute.

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