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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:11

Seth: Wimbledon Green

02.07.2009

Sammlerliebe, Sammelwahn

Leser und Sammler von graphischer Literatur – oder einfach von Comics – haben es schwer: Ihre Leidenschaft wird von vielen misstrauisch beäugt, das Objekt der Begierde oft als Kinderkram abgetan. Dem ist jedoch nicht so, wie der Kanadier Seth beweist. Mit Wimbledon Green zeichnet er das nobilitierende Portrait eines Comicsammlers. Er positioniert ihn geschickt zwischen der Eleganz des sammelnden Goethe und dem Wahn eines William Randolph Hearst. Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Bereits im äußerst lesenswerten Vorwort entschuldigt sich der Zeichner für die Skizzenhaftigkeit seiner Bilder, die er selbst nur für „gerade gut genug“ hält. Eine Aussage, der es nicht bedurft hätte. Zwar ist im Vergleich zu den anderen Arbeiten des Künstlers, wie dem ebenfalls auf deutsch vorliegenden, melancholischen Clyde Fans, den Zeichnungen eine gewisse Unschärfe zu attestieren, die Akribie der Bildausführung ist zurückgenommen, ein Mangel ist dies indes nicht. Gerade die Freiheit des Strichs verleiht den überaus kleinteiligen Panels eine wohltuende Frische. Die stimmungsvollen, in ihrer Gestaltung bewusst an Chris Ware angelehnten Bilder unterstützen die erzählerische Ebene, auf der das Hauptaugenmerk liegt. Denn es gibt zwar unendlich viele Sammlergeschichten, aber die Geschichte des Comicsammelns wurde bisher noch nicht geschrieben.

Leidenschaft, die Leiden schafft

Die Episoden, die Seth in diesem Band versammelt, zeugen von dem an Geschichten reichen Leben eines Sammelwütigen. In diesem Fall ist das Wimbledon Green, der größte Comicsammler der Welt, der schon auf dem Cover im Wissen um seine Errungenschaften mit stolzgeschwellter Brust posiert. Die einzelnen Erzählungen handeln von großen Funden auf dem Dachboden – dem Traum eines jeden Sammlers – und von noch größeren Enttäuschungen, wenn das Objekt der Begierde vor der Nase weggeschnappt wird. Bei seiner Sammlerehre gepackt, kann der von Comics besessene Wimbledon Green jedoch keine Niederlage ertragen. Folglich entspinnen sich wahre Kriminalgeschichten um die skrupellose Jagd nach raren Bilderheftchen, bei der es mitunter nicht mit rechten Dingen zugeht. Trotz der detaillierten und inhaltlich dichten Geschichtencollage bleibt die Charakterisierung der Figur des Wimbledon Green oberflächlich, Antrieb und Absichten liegen im Dunkeln. Ein Einblick in seine tieferen Beweggründe bleibt dem Leser verwehrt und seine Person seltsam unnahbar. Daran ändern auch die immer wieder eingeschobenen Interviewpassagen mit Comichändlern und Rivalen – sicherlich mit die stärksten Momente des Bandes – wenig. Dies geschieht aber nicht grundlos: Seth zeigt uns hier mit einem Augenzwinkern, aber nicht ohne erhobenen Zeigefinger, einen von Sammelleidenschaft besessenen Menschen, der seiner Obsession, die größte Comicsammlung zu besitzen, vollkommen verfallen ist. Aber ist eine Sammlung, gleich jeder Art, erstmal zu einer Größe angewachsen, die das menschliche Maß übersteigt, wird ihr Eigentümer zum Gefangenen ihrer selbst. So ist Wimbledon Green trotz seiner Errungenschaften ein bemitleidenswertes Wesen.

Ein Zeichner auf Entdeckungsreise

Seth hat sich schon mit seinen vorrausgehenden Arbeiten als großer Künstler und Geschichtenerzähler bewiesen. Mit Wimbledon Green beweist er sich neben dem grandiosen Büchlein Forty Cartoon Books of Interest (Supplement zu Comic Art, Heft 8) – unvergesslich dort sein gezeichnetes Vorwort, in dem er sein eigenes Sammelverhalten beschreibt – ein weiteres Mal als Historiograph des Comicsammelns. Der geneigte Comicsammler, bei Seth schmeichelhaft dargestellt als Connaisseur, wird sich mitunter selbst in der Figur des Wimbledon Green wiedererkennen, wenn auch nicht in physischer Hinsicht, so doch zumindest in dem Wunsch, ähnlich skurrile Erlebnisse und extravagante Funde zu erleben. Wimbledon Green ist über den Zeitraum von nur sechs auch mit anderen Arbeiten angefüllten Monaten, quasi als Nebenprodukt, im Skizzenbuch des Künstlers entstanden. Ist man sich dessen bewusst, muss man das Ergebnis umso höher bewerten. Man wünscht dem liebevoll gestalteten Band, dass er selbst zum Objekt der Begierde eines jeden Comiclesers avanciert. Er sollte zumindest in keiner Sammlung fehlen.

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