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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:11

Laurent Gerra / Achdé: Lucky Luke: Der Mann aus Washington

09.07.2009

Westernparodie nach Rezept

Lucky Luke reitet wieder. Mit Unterstützung des Szenaristen Laurent Gerra setzt Zeichner Achdé den berühmtesten Cowboy des frankobelgischen Comics im Kampf gegen eine Präsidentschaftswahlkampf-Intrige in Szene. Mit Gags und Anspielungen wird nicht gespart, der Geist der liebenswerten, klassischen Western-Parodie bleibt aber auf der Strecke. Von ANDREAS ALT

 

Das neueste, 84. Lucky Luke-Album enthält nach Verlagsangaben alle Zutaten, die eine gute Episode dieser Westernparodie-Serie ausmachen: „Teer und Federn, Kopfgeldjäger, Bleichgesichter, Mexikaner und in Gastrollen niemand anderen als Billy the Kid und Averell“ (gemeint ist der längste und dümmste der Dalton-Brüder). Hinzu kommt, dass sich nach dem Tod des Lucky Luke-Erfinders Maurice Bévère (Pseudonym Morris) im Jahr 2001 ein Zeichner fand, der ihn sehr genau imitieren kann: Hervé Darmenton, genannt Achdé. Möglicherweise merkt der eine oder andere Käufer dieses Comics gar nicht, dass der nicht mehr von den ursprünglichen Machern stammt (der Autor René Goscinny starb bereits 1977). Eine gelungene Fortführung eines grundlegenden Werks der frankobelgischen Tradition also?

Tatsächlich lässt sich ein Lucky Luke-Abenteuer gleichsam nach Rezept komponieren. Nur wie man der Serie ihren Geist einhaucht, dafür gibt es kein Rezept. Morris hat sich während eines USA-Aufenthalts in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts von den Machern des Satiremagazins MAD zu seinem Comic inspirieren lassen. Für diese waren ihre Parodien auf Kinofilme, TV-Serien oder Comics ein Mittel, den Unterhaltungsbetrieb auf amüsante Weise zu kritisieren. Morris hat davon einiges übernommen; Goscinny, den er überredete, als Szenarist mitzuwirken, brachte sein Talent ein, verwickelte, immer wieder durch running gags querverweisende und doch spannende und leicht konsumierbare Storys zu schreiben.

Gags wie an einer Wäscheleine

Daraus ist in Der Mann aus Washington ein Szenario geworden, das so simpel angelegt ist, dass Gags und Anspielungen wie an einer Wäscheleine aufgereiht werden können. Lucky Luke lässt sich als Leibwächter des Präsidentschaftskandidaten Rutherford Birchard Hayes während dessen Wahlkampftour durch die USA engagieren. Hayes ist eine historische Gestalt und wurde 1877 tatsächlich zum US-Präsidenten gewählt – nicht zum ersten Mal wird in einem Lucky Luke-Abenteuer die späte Pionierzeit der USA zitiert.

Hayes’ Reise führt nacheinander nach Columbus an der Grenze der damaligen Zivilisation, in eine Siedlung deutscher Auswanderer, nach Memphis und schließlich nach Austin/Texas. Dass der innerparteiliche Widersacher des Republikaners Hayes, Perry Camby, der auf krummen Wegen zur Macht strebt, ein bisschen wie George W. Bush aussieht, ist nicht der platteste der Scherze von Autor Laurent Gerra (manche historischen Zitate leben auch von ihrer Unzeitigkeit). Bei den deutschen Kolonisten bringt eine Bombe eine Mauer zum Einsturz, worüber insbesondere ein gewisser Erich untröstlich ist. In Memphis trägt Hayes seine Rede in Form eines Jazzstandards vor. Und aus Texas wandert Bösewicht Camby schließlich nach Vorderasien aus, um dort nach Öl zu bohren, nachdem Lucky Luke ihm und seinen Verschwörern das Handwerk gelegt hat.

Im Korsett der Zitate

Und was ist mit Teer und Federn, Kopfgeldjägern und Mexikanern? Diese Motive werden so demonstrativ am Rande der Handlung in das Album eingebaut, dass man Gerra unterstellen kann: Er meint, sie keinesfalls weglassen zu dürfen. Deutlicher ist das noch im Fall von Billy the Kid und Averell Dalton: Sie haben jeweils vor und nach der Wahlkampfreise ihre Auftritte; mit der eigentlichen Story haben sie nichts zu tun.

Der neue Lucky Luke ist noch immer ein leidlich unterhaltsamer, für alte Fans auch nostalgischer Comic. Aber im Gegensatz zur mühelos eleganten Grafik von Achdé wirkt die Story reichlich angestrengt konstruiert. Wie der Autor steckt freilich auch der Zeichner im Korsett obligatorischer Lucky Luke-Zitate – die Fangemeinde lässt ihnen offenbar keine andere Wahl. Wirklich lesenswert wäre ihre Arbeit aber nur, wenn sie versuchen würden, aus dem ihnen hinterlassenen Material etwas Neues zu machen, Ikonographie und Klischees der Serie zumindest weiter zu entwickeln. So ist man besser beraten, wieder einmal zu einem der klassischen Alben von Morris und Goscinny zu greifen.

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