Die Jungs aus Garth Ennis’ Feder haben es nicht leicht. Geriet der Geistliche Jesse Custer vor ein paar Jahren im furiosen Road-Comic Preacher mit Gott höchstpersönlich aneinander, so treten in der neuesten Serie des nordirischen Erfolgsautors nicht minder gefährliche Gestalten auf. Vom amerikanischen Geheimdienst als Eliteeinheit aus der Taufe gehoben, besteht die Aufgabe der Boys darin, schlecht erzogenen Superhelden die Grenzen aufzuzeigen. Es gilt, dem Machtmissbrauch ihrer Kräfte und ihrer zunehmenden politischen Einflussnahme entgegenzuwirken. Eigens dazu hat der grobschlächtige Engländer Billy Butcher, seines Zeichens Boss der Truppe, drei alte Weggefährten und einen Frischling rekrutiert. Während sich der Schotte Hughie als neues Mitglied erst langsam mit den Gepflogenheiten vertraut macht, ist Mother’s Milk für die Logistik zuständig, Frenchman und Weibchen – übrigens die einzige Frau in der Truppe – sorgen hingegen fürs Grobe. Und davon gibt es in The Boys reichlich. Schließlich müssen Billy und Co. den flegelhaften Möchtegern-Heroen oft genug mit den Fäusten den richtigen Weg weisen.
Falsche Helden mit krummen Geschäften
In seinem Alternativentwurf der uns bekannten Welt präsentiert Garth Ennis Superhelden als moralisch bankrotte Heuchler. Echt ist an ihnen lediglich ihre Maskerade. Während sie in der Öffentlichkeit die vorbildlichen Puritaner mimen, frönen sie im Privaten ausschweifenden Sex- und Drogenexzessen. Menschenleben zählen für sie nichts. Persönliche Fehden, das eigene Vergnügen oder die Steigerung des Marktwertes gehen vor. Doch wie sollte es auch anders sein? Leben zu retten stopft schließlich keine Mäuler. In Gruppen organisiert vertreiben sie stattdessen Comics über ihre vermeintlichen Heldentaten. Das bringt das nötige Kleingeld ein und poliert ganz nebenbei das Image auf, indem die Wahrheit in den Bilderheftchen einfach umgeschrieben wird.
Ennis karikiert die Superhelden als überhebliche Idioten mit infantilem Gehabe, als kostümierte Freaks, die nicht in der Lage sind, ihre Gefühle, Triebe, geschweige denn ihre Superkräfte unter Kontrolle zu halten. Das verwundert kaum, sind doch selbst letztere unecht, lediglich durch eine Droge herbeigeführt. Von diesem künstlich erzeugten „Wirkstoff V“ haben daher auch die Boys eine gehörige Portion verabreicht bekommen, um im Kampf mit den Umhangträgern überhaupt bestehen zu können.
Verschnaufpausen im Alltagsgeschäft
Im vorliegenden Sammelband, der zwei Geschichten aus den Heften 15 bis 22 vereint, sind die fünf Spezialisten für Kostümierte nach New York in ihr Hauptquartier zurückgekehrt. Nach einem erfolgreichem Auftrag in Russland gehen sie eher gelangweilt zu ihren alltäglichen Pflichten über: ermüdenden Observationen. Garth Ennis nutzt diese Verschnaufpause, um die Hintergrundgeschichten von Mother’s Milk und dem Weibchen sowie die dunkle Vergangenheit des Waffen-Konzerns „Vought American“ näher zu beleuchten. Schnell wird jedoch deutlich, dass es dem Autor vornehmlich darum geht, zwei Handlungsstränge voranzutreiben, die sich bereits in den vorigen Ausgaben als dominant herauskristallisiert hatten: zum einen die freundschaftlich-väterliche Beziehung zwischen Billy und Hughie, zum anderen die im Entstehen begriffene Liebesgeschichte zwischen Hughie und Annie alias Superheldin Starlight. Die Frischverliebten ahnen dabei nicht, dass sie für entgegengesetzte Lager arbeiten. Ein erst kürzlich erlittener Verlust markiert eine Gemeinsamkeit in ihren Lebensläufen und verbindet die beiden zu sehr, als dass sie ihre rosige Gegenwart hinterfragen würden.
Vom Ballast der Vergangenheit
Die Vergangenheit nagt jedoch nicht nur an den Figuren. Auch Garth Ennis muss sich an seinen bereits verdienten Sporen messen lassen. Nachdem er schon in Preacher beinahe jedes Tabu gebrochen hatte, scheint dem Autor in The Boys kein Gag zu schade, solange er ausreichend provoziert. Da müssen dann schon einmal inkontinente, untote Superhelden oder Menstruationsblut beim Oralverkehr für dürftige Lacher herhalten. Was bei Preacher trotz aller Derbheit originell daherkam, wirkt in The Boys oft platt und äußerst vorhersehbar. Auch die für Ennis bekannten Gewaltexzesse, die im dritten Band von implodierenden Gesichtern bis zu explodierenden Leibern reichen, stehen denen aus Preacher um einiges nach, schafft es Darrick Robertson doch nie an die zeichnerischen Qualitäten eines Steve Dillon heranzukommen.
Inhaltlich kann Ennis der Dekonstruktion des Superheldengenres ebenfalls nicht viel Neues hinzufügen. Nach so starken Vorgängern wie Alan Moores Watchmen bleibt ihm hier offenbar nur die Ausflucht ins Extreme. Ennis’ große Stärke, stimmungsvolle Geschichten zu erzählen, die ein gewisses Zeitkolorit verströmen, gleichzeitig auf Political Correctness pfeifen und jedweder Autorität den Spiegel vorhalten, blitzt hier leider zu selten auf. Für den Autor wäre es sicherlich einfacher gewesen, sich an einem anderen Genre abzuarbeiten – aber Garth Ennis macht es sich und seinen Jungs eben nicht leicht.