In Bramhalem, einem von einem repressiven religiösen Regime regierten Reich, ist der Glaube an den Religionsstifter Jesameth überlebenswichtig – Ketzer werden auf kürzestem Weg ins Jenseits befördert: Ihnen wird die Kehle durchgeschnitten, und ihre Leichen werden walfischartigen Seemonstern, Killersirenen genannt, zum Fraß vorgeworfen. In diesem düsteren Diesseits lebt der kastenlose Gerber Alim mit seiner jungen und unglücklicherweise sehr vorlauten Tochter Bul. Immer wieder bringt ihn das Mädchen in Schwierigkeiten mit der Obrigkeit. Dennoch ist Alim ein treuer Gläubiger, dem nichts ferner läge, als die Religion seiner Vorväter anzuzweifeln. Doch dann findet er im Magen einer toten Killersirene die Rüstung des Jesameth, der nach Überlieferung der Soldatenmönchskaste über das Meer fuhr, um zu den Göttern zu gelangen. Alims Glauben ist schwer erschüttert. Und dann plaudert seine Tochter gegenüber einem Priester auch noch aus, was er da gefunden hat. Die Inquisition des Gottesstaates setzt sich in Bewegung. Alim und seine Tochter stecken in ernsten Schwierigkeiten...
Fantastische Fanatiker
Wilfrid Lupanos Comic liegt eine interessante Idee zugrunde: Was passiert in einer Fantasywelt, voller Magie und Wunder, wenn sich herausstellt, dass mit den Grundlagen des Glaubenssystems dieser Welt etwas nicht stimmt? Lupano ersetzt die üblichen Fantasy-Bösewichte wie Trolle, Orks und Dschinn mit fanatischen Gotteskriegern. Auch das Setting ist bemerkenswert: Der Autor verbindet das klassische Orientbild à la „Aladin und die Wunderlampe“ mit dem heutigen Bild, das von Al-Qaida und Taliban geprägt ist. Eine interessante Prämisse also, nur wundert man sich über ihre konkrete Ausgestaltung, die von einem gewissen Kulturchauvinismus zeugt: Das Glaubenssystems der Jesamethianer, das über das orientalische Setting mit dem Islam assoziiert wird, wird als brutal und menschenverachtend porträtiert und erweist sich darüber hinaus als schlicht falsch. Und warum müssen die Ungläubigen, die in einer Nebenhandlung von den Gotteskriegern gefangen und auf überaus talibaneske Art und Weise massakriert werden (dem bereits vorher erwähnten Durchschneiden der Kehle), unbedingt blond und blauäugig sein, wohingegen alle Jesamethianer dunkle Haare und braune Augen haben? Den Erich Kästner-Preis für Toleranz, Humanität und Völkerverständigung wird Alim der Gerber so nicht gewinnen.
Bande dessinée & Disney
Dessen ungeachtet überzeugt Wilfrid Lupanos erster Band von Alim le tanneur, der in Frankreich bereits 2004 erschienen ist, durch routiniertes und pointiertes Erzählen. Dem 38jährigen aus Nantes gelingt ein atmosphärisch dichter Comic, dessen Stimmung auch viel dem sehr lebendigen Artwork von Virginie Augustin zu verdanken hat. Diese gibt hier zwar ihr Debüt als Comiczeichnerin, doch als Anfängerin kann man die 36jährige Französin aus Chatou sicher nicht bezeichnen: Sie hat ihr Handwerk in der Animationsabteilung von Disney gelernt und unter anderem bei Filmen wie Tarzan und Herkules mitgearbeitet. Diese Schule merkt man ihren Zeichnungen an; Landschaften und unsympathische Figuren werden zwar durchaus realistisch gestaltet, Alim und vor allem Bul jedoch sehen aus, als wären sie einem Disneyfilm entsprungen – gerade Bul hat große Ähnlichkeit mit Lilo aus Lilo & Stitch. Durch diesen Kniff der unterschiedlichen Gestaltung wird sowohl die Sympathie als auch die Aufmerksamkeit des Lesers geschickt auf die beiden gelenkt. Dennoch wirkt das Artwork unaufdringlich und bleibt in der Darstellung der Gewalt eher zurückhaltend. Dadurch bleibt Alim der Gerber trotz des düsteren Themas auch für ein jüngeres Publikum zugänglich. Insgesamt gehen Augustins Zeichnungen mit Lupanos Storytelling eine stimmige Synthese ein. Der Comic liest sich schnell und spannend, und man bedauert, dass der Band nur 48 Seiten hat. Die gute Nachricht ist aber, dass die Geschichte noch nicht zu Ende ist: Alim der Gerber ist auf vier Bände angelegt, und Das Geheimnis des Wassers ist bestenfalls so etwas wie die Exposition für das weitere Geschehen. Man darf gespannt sein.