Schon in politischen Karikaturen Anfang der vierziger Jahre ließ die finnische Autorin und Zeichnerin am Rand gern einen winzigen Mumin als Erkennungszeichen auftauchen. Ab 1945 verarbeitete sie die Abenteuer dieser rundlichen, ein wenig an Flusspferde erinnernden, aber anthropomorphen Wesen zu illustrierten Büchern, die rasch international ein großer Erfolg wurden. Nachdem die Nachrichtenagentur Associated Press mit der Anregung an sie herangetreten war, ihre Mumins auch in Comicstrips auftreten zu lassen, erschienen diese Strips ab 1954 in der britischen Zeitung „The Evening News“, später dann in weiteren, auch deutschsprachigen Zeitungen.
Erste lückenlose Ausgabe der Mumins-Comics
Schon 1947 hatte Tove Jansson auf Bitte eines Freundes für eine finnische Zeitschrift eine erste Comicstrip-Folge gezeichnet, damals aber noch weitgehend ohne comicspezifische Mittel wie Sprechblasen. Von diesem Comic distanzierte sie sich später, und er taucht auch in dem Reprodukt-Band nicht auf. Veröffentlicht werden hier die ersten vier Episoden aus den Jahren 1954 und 1955 aus der „Evening News“. 21 Folgen zeichnete sie insgesamt, dann gab sie den Comic wegen Arbeitsüberlastung auf. Daraus sollen fünf „Mumin“-Bücher bei Reprodukt werden. Es ging allerdings bis zur Folge 73 (1975) weiter – Janssons Bruder Lars, der die Comics zuvor ins Englische übersetzt hatte, übernahm die Serie dann ganz.
Laut dem „Virtuellen Muminforschungszentrum“ des Bremer Fans Christian Panse im Internet gab es zwischen Ende der fünfziger und Anfang der achtziger Jahre zahlreiche Abdrucke und Ausgaben der Mumins-Comics in Deutschland. Entweder wurden aber nur einzelne Episoden herausgegriffen, oder das Material wurde umgeschnitten, oder Bearbeitung und Übersetzung waren unzureichend und lieblos. Reprodukt will es augenscheinlich besser machen und nun alle Episoden von Tove Jansson in sorgfältiger Bearbeitung veröffentlichen. Der erste Band ist ein schönes Buch mit sauberer Bindung, rotem Leinenrücken, übersichtlicher Präsentation der Strips und einem kenntnisreichen Nachwort geworden; die Publikationsgeschichte wird allerdings nur gestreift. Dass es sich um den ersten Band einer mutmaßlichen Gesamtausgabe handelt, ist nur dem Inhaltsverzeichnis abzulesen.
Chaotische Handlung, markante Charaktere
Die Mumins-Comics entfalten tatsächlich einen eigenwilligen Zauber und haben es daher vielleicht nicht unbedingt leicht, neue Leser zu gewinnen. Mit Ausnahme der dritten Episode Mumin an der Riviera, in der die Muminfamilie quasi als Hochstapler in einem Luxushotel lebt, verzichtet die Künstlerin auf eine geschlossene Handlung. Die Ereignisse in der Serie schlagen munter Purzelbäume, die Handlung mäandert meist unbeschwert mal hierhin, mal dorthin, was sicher auch den Fortsetzungs-Anforderungen des Comicstrips geschuldet ist. Zusammengehalten werden die Storys durch die markanten Charaktere der Comicfiguren. Immer wieder scheinen bei ihnen Charakterzüge von Familienangehörigen und Freunden der Künstlerin auf. Phantastische Elemente spielen in den ersten vier Strip-Episoden eine untergeordnete Rolle – die Muminwelt wird allein dadurch unwirklich, dass so gut wie keine Spuren einer menschlichen Zivilisation in ihr zu finden sind. Gezeichnet ist das alles in einem einfachen, aber ebenso ausdrucksstarken wie dekorativen Stil, trotz der Beschränkung auf das Stripformat, das bedauerlicherweise so gut wie keine Panoramabilder zulässt – man merkt den Comics jedenfalls Janssons herausragendes Talent als Illustratorin an. Sollte die Mumins-Gesamtausgabe zu Stande kommen, wird sie nicht nur Comicsammlungen schmücken.