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Yslaire / Balac: Sambre - Der Krieg der Augen

23.07.2009

Rot ist dicker als Wasser

Ein Sammelband mit dem ersten, vierteiligen Zyklus lädt Neueinsteiger in die dramatische Welt von Sambre ein. Hier landen ein Junge und ein Mädchen aus der Provinz voneinander getrennt im Paris des Jahres 1848. Die Spannung im Vorfeld der Februarrevolution und bei deren Ausbruch spiegeln die Zerreißprobe, welcher die beiden Teenager ausgesetzt sind. Von BORIS BAUSCH

 

Denn so fängt es an: Bernard kommt gerade von der Beerdigung seines Vaters, als ihn die geheimnisvolle Wilddiebin Julie zum späteren Stelldichein in dessen Gruft verführt. Dort besiegelt sie seinen Liebesschwur mit einem Schnitt in seine Hand, der ihre Lebenslinien zu Zwillingen machen soll. Tatsächlich sind ihre Begegnungen stets folgenreich und auch die Zeiten der Trennung erleben sie als ganz eigenen Ausnahmezustand im Ausnahmezustand. Stigmatisiert sind beide sowieso: sie als Rotäugige, „Hurenkind“ und gar vermeintliche Mörderin, er als Mitglied der rothaarigen Familie Sambre, die für mehr als sonderlich gehalten wird. Tod und Leidenschaft, Angst und Attraktion, Ausgrenzung und Schicksalsbund in enger Nachbarschaft zeichnen die Welt von Sambre aus.

Das Paar sorgt dabei nicht für die erste Verbindung von Rothaarigen und Rotäugigen. Vielmehr führen die Spuren in die mysteriöse Vergangenheit von Bernards Vater, der obsessiv an einem Buch über einen Krieg der Augen geschrieben hatte. Deshalb bedeutet der Weg nach Paris für Bernard nicht nur eine Suche nach Julie, sondern auch nach Puzzlestücken, die für die Identität und Zukunft des Paares existentiell sind. Daneben treten die Hauptfiguren mit verschiedenen Sphären in Kontakt, wodurch der historische Hintergrund hervortritt. Während Bernard in einem feinen Salon dem gealterten Model von Delacroix’ berühmter Allegorie (Die Freiheit führt das Volk an, 1830) ins Auge fällt, verfällt ein Maler Julie, die er als neues Symbol der Freiheit ebenso auf die Leinwand bannen möchte. Als solches gerät sie auf der Straße in vorderste Front.

Bestechende Inszenierung

Dieser Klassiker des frankobelgischen Comics, zwischen 1987 und 1997 entstanden, vereint großes Pathos mit raffinierter Gestaltung. Dick Aufgetragenes und subtil Angedeutetes ist hier so untrennbar miteinander verzahnt, dass beides effektvoller wird. Die symbolische Farbe Rot, die aus Grau und Braun heraussticht, sorgt zum einen für die grobe Markierung des feurigen Paares, zum anderen schafft sie immer wieder Verbindungen zur Umwelt mit Kaminschein, Fahnen, verblassten Kleidern. Selten ist die Szenerie in rötliches Licht gesetzt, öfter setzt die Farbe die Akzente und bleibt dem Leser deren Deutung überlassen. Stadt und Land erscheinen in den realistischen Zeichnungen als schauerliche Umgebungen der stilisierteren Hauptfiguren. Julie zeigt als Objekt männlicher Begierde unterschiedlicher Art viel nackte Haut und wird durch den Maler der revolutionären Ikonografie eingeschrieben. Solchen Reflexen auf Geschichte(n) und ihre medialen Repräsentationen widmete sich Yslaire in seinem Der XX.Himmel-Projekt dann in extenso.

Bei Sambre sind die Protagonisten jedoch nicht nur dem historischen Aufruhr ausgesetzt, sondern auch düsteren Familiengeheimnissen, Todesfällen und natürlich ihrer verbotenen und schwierigen Liebe. Dabei können die oft virtuos komponierten Panels auch den Leser fesseln, dem dieser Plot dann doch zu unheilschwanger oder romantisch daherkommen sollte. Häufig werden beim Wechsel des Schauplatzes Detailausschnitte orientierenden Totalen vorangestellt oder müssen in Dunkelheit Schemen erahnt werden. Effektvoll werden Bewegungen und Räume zergliedert, Perspektiven variiert, ohne dass die Darstellung manieriert würde. Gerade wortlose Passagen tragen zur atmosphärischen Dichte bei, bebildern die Einsamkeit der Figuren und verfahren assoziativ oder parallelisierend.

Eine Liebesgeschichte zieht Kreise

Yslaire verbindet punktuelle Dramatik mit einem großen Bogen, der den Comic in die Tradition epischer Entwürfe à la Victor Hugo stellen soll, wie die ergänzenden Hintergrundinformationen verraten. Das klingt etwas zu ambitiös und schafft einen unnötigen Maßstab. Aber als eigenständiges Kunstwerk profitiert Sambre von der jetzt gebündelten Form, in der es – in übrigens überarbeiteter Farbgebung – seine zunehmende Sogwirkung entfalten kann. Auch für den Schöpfer ist das Potenzial noch nicht ausgereizt, denn inzwischen wurde die Saga in beide Richtungen fortgesetzt: Hugo & Iris enthüllt die Vorgeschichte, während der zweite Zyklus Aufschluss darüber gibt, wie es Julie und der nächsten Generation weiter ergeht. Wer Blut leckt, darf sich daher auf die anstehenden deutschen Übersetzungen freuen.

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