Aller Rezession zum Trotz hat eine Branche derzeit mächtig Konjunktur: die Piraterie. Egal welches Medium man bemüht, Entführungen vor dem Horn von Afrika oder Strafprozesse gegen skandinavische Internet-Piraten sind immer eine Nachricht wert. Unter die Berichterstattung mischt sich nicht selten ein fader Beigeschmack. Mit romantisch verklärten Kindheitsvorstellungen von Abenteuern auf hoher See haben die allzu realen Gestalten aus den Schlagzeilen schließlich so gar nichts gemein. Gut also, dass sich in den letzten Jahren einige kreative Geister der Freibeuter angenommen haben, um ihrem durch die Wirklichkeit ramponierten Image in der Fiktion wieder auf die Beine zu helfen: Wurde gestern noch im Medium Film einem totgesagten Genre durch die Fluch der Karibik-Trilogie neues Leben eingehaucht, so versuchen heute zwei Franzosen, die angeschlagenen Seemänner in der Neunten Kunst zu rehabilitieren.
Hehre Ziele, falsche Spiele
Autor Xavier Dorison und Zeichner Mathieu Lauffray haben sich viel vorgenommen. Mit der auf vier Bände angelegten Reihe Long John Silver knüpfen sie immerhin an eines der bekanntesten Werke der Abenteuerliteratur an: Die Schatzinsel. Die beiden verstehen ihren Comic aber keineswegs als Fortsetzung des Romans, sondern als bescheidene Hommage, der es gelingen soll, „ein wenig von dem Zauber aufzunehmen, der in Robert Louis Stevensons Geschichte wirkt“ – so die Künstler im Vorwort. Die Story ist schnell erzählt: Wir schreiben das Jahr 1785. Long John Silver ist in sein Gasthaus „The Spy Glass“ nach Bristol zurückgekehrt und fristet ein von Widersachern unbehelligtes Dasein. Bis ihm eines Tages ein alter Bekannter einen Besuch abstattet: Doktor Livesey. Mit der mondänen Lady Vivian Hastings hat dieser ein lukratives Angebot im Schlepptau. Die stolze Dame will eine Crew zusammenstellen, um ihren im Amazonas verschollenen Mann aufzuspüren, der nach jahrelanger Irrfahrt das legendäre „El Dorado“ gefunden haben soll. Ein Spiel aus Täuschungen und Ränken nimmt seinen Lauf, in dem jeder ein möglichst großes Stück vom monetären Kuchen abhaben will.
Harter Tobak
Dass es dem Comic tatsächlich gelingt, nicht nur etwas von Stevensons, sondern seinen ganz eigenen Zauber zu verbreiten, liegt an der erstaunlich dichten Atmosphäre. Die Balance von aufregend erzählter Abenteuergeschichte und düster-romantischem Zeichenstil ist dafür ausschlaggebend. Dem Genre entsprechend, geht es in Long John Silver recht rau zu: Verträge werden hier noch mit Blut unterschrieben, finanzielle mit körperlichen Zuwendungen bezahlt. Die Seiten wimmeln nur so von undurchsichtigen Seemännern, mysteriösen Indios, verleugneten Bastarden, toughen Müttern und skrupellosen Engelmacherinnen. Kein sicheres Terrain für zartbesaitete Gemüter also. Dorison, Jahrgang 1972 und in Deutschland bereits durch Das dritte Testament bekannt, weiß seinen Comic mit viel Sprachgefühl zu gestalten. Vermittels Doktor Liveseys Memoiren führt er in die Geschichte ein. Dessen Lebenserinnerungen teilen sich dem Leser immer wieder in geschickt in die Panels montierten, vergilbten Briefbögen mit und sorgen im Zusammenspiel mit einer gehobenen Sprache für authentische Stimmung.
Düster über dem Nebelmeer
Perfekt ergänzt werden Handlung und Dialoge von Lauffrays Zeichnungen. Seine Aquarelle gleichen an manchen Stellen den barocken Schiffsgemälden eines Willem van de Velde des Jüngeren. Mehr noch stellen sie aber ein düsteres Amalgam der Romantiker Caspar David Friedrich, Carl Blechen und Joseph Mallord William Turner dar. Dem 39-Jährigen Lauffray gelingt dennoch ein gänzlich eigener Stil, der sich durch ein stimmiges Wechselspiel von Lasur, Schraffur und Akzente setzenden Lichtreflexen auszeichnet, das besonders in den ganz- oder doppelseitigen Panels beeindruckt. Nach ihrer gemeinsamen Zusammenarbeit an der noch unabgeschlossenen Serie Prophet drücken Xavier Dorison und Mathieu Lauffray nun also dem Piratencomic nachhaltig ihren Stempel auf. Schön sind daran vor allem die düster-realistischen Momente, die einen willkommenen Gegenpol zu den phantastisch-parodistischen Zügen der Fluch der Karibik-Filme oder den kindgerechten Comics von Uderzos und Goscinnys Pitt Pistol setzen. Man darf gespannt sein, welch aufregendes Seemannsgarn die jungen Franzosen in Zukunft noch spinnen mögen.