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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:12

FAB: Geschichten aus den Neunzigern Bd. 4: Ausscheider

06.08.2009

Narrenfreiheit der Adoleszenz

Entweder man begreift bereits in der Schule, dass die Zeit danach eine freundlich lächelnde Hölle voller Entscheidungszwänge sein wird, oder man lässt es bleiben. Diese Einsichten bedeuten bereits zwei Lebensentwürfe, und derer werden viele in FABs Geschichten aus den Neunzigern geboten. Von SVEN JACHMANN

 

Da in der Reihe weitgehend auf Linearität verzichtet wird, lassen sich die jeweiligen Erzählungen auch als abgeschlossene Einheiten lesen. Im nunmehr vierten Band bilden den narrativen Mittelpunkt eine Abi-Abschluss-Party und die damit verbundenen, oftmals finalen Konfrontationen: Lieben wollen entschieden, Antipathien zementiert oder aufgegeben werden. Tatsächlich ist dies der letzte Zeitraum, in dem Ziellosigkeit als geduldeter Wegbegleiter einer unsicheren Lebenspassage durchaus akzeptiert ist, ihr Raum geboten wird, um sie schlechterdings zur temporären Tugend zu erheben. Der Reiz solcher Geschichten besteht zweifellos in einer bestimmten Konzeption von Jugend als Abschied und Phase des Übergangs, immer verbunden mit dem insgeheimen Wissen, dass die nun erlangte Freiheit beileibe nicht grenzenlos ist. Daraus speist sich denn auch die Melancholie, die diesen Geschichten eingeschrieben ist: Alles lässt sich wünschen, jedoch eigentlich nur wenig erlangen, und das Begehren hinter dem Wunsch ist in den ritualisierten Festivitäten, und seien diese lediglich eine Abschlussparty, bereits domestiziert.

Gezähmte Jugend

Vor der falschen Freiheit kommt also zunächst die Narrenfreiheit, und FAB staffiert dieses Setting mit den zu erwartenden Ingredienzen: Suff, Sex, Prügeleien, Abschiede, Desorientierung, Hoffnungsschimmer… Durch die oftmalige Präsentation der Figuren im Portrait erhält das Ganze zudem eine dokumentarische Note, evoziert einen Moment der Stille, bevor der unausweichliche Wandel eintritt, und wird so zwar auch zur retrospektiven Form der Nostalgie, aber unbeschwert kommt diese ganz und gar nicht daher. Das hat Vor- und Nachteile. Als verklärter, autobiographischer Rückblick lässt sich das Geschehen nicht banalisieren, dafür ist die eher multiperspektivische Erzählhaltung zu sehr darauf gerichtet, Zeitgeist zu skizzieren und den Umbruch einzufrieren. Allerdings scheint FAB diesem Sujet allein nicht genügend Mehrwert zuzutrauen, weswegen er dem Plot einen Schuss Intertextualität angedeiht und einige Figuren mit dem Geist Rosenkranz und Güldensterns sprechen lässt, jenen Jugendfreunden Hamlets, denen bereits Tom Stoppard ein Theaterstück samt Verfilmung spendierte.

Zahmes Formspiel

So konstruiert FAB einen Link zum Jugendbegriff: Den beiden Vorlagen gemäß sind auch seine Figuren närrisch in einer adoleszent gebrochenen Weise: linkisch, reflektiert genug, das Geschehen um sie herum zu erfassen, jedoch unfähig, selbiges in den larmoyanten Zusammenhang, der da Abschied heißt, einzuordnen. Sie kommentieren das Geschehen gleich einem griechischen Chor, treiben es aber nicht an, Spott und Wortwitz bleiben folgenlos. Vor allem aber bricht ihr Duktus einen Erzählfluss, der sein Thema bereits manifest in sich trägt. Der Tunnelblick des jugendlichen Aufbegehrens, das seine Adressaten (noch) in der Diffusion oder in der Selbstanklage ausfindig macht, trifft auf sein zukunftsgerichtetes Pendant, in dem die Ahnung der Machtlosigkeit zugunsten der Vernunft ausgetauscht wurde ist. Dieser Druck ist in der Tat ein identitätsstiftender, universaler Wegbereiter und unterliegt einer ständigen, obgleich dialektischen Dynamik. In diesem Sinne sind die dokumentaristischen Stilmittel adäquat platziert. Der Stoppard-Bezug hingegen offenbart sich als reines Formspiel und verleiht der impliziten, plotimmanenten Melancholie eine Bedeutungsschwere, die sie auch ganz allein hätte stemmen können.

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