Zuerst sticht der reduzierte, aber sehr effektvolle Zeichenstil Nananans ins Auge, der viel Leere auf den weißen Seiten lässt und damit den mal schwungvollen, mal knittrigen Konturlinien Raum und den schwarzen Flächen Gewicht gibt. Da die Panels häufig Details von Gegenständen oder Ausschnitte von Gesichtern zeigen, wirken die Bilder manchmal ornamental abstrakt oder zeichenhaft. Ein typisches Element sind auch Panels, die nur Schrift auf weißem oder schwarzem Hintergrund enthalten. Im japanischen Original entsteht so wohl eine fließende Nähe zwischen Schriftzeichen und Bildzeichen.
Gemüse statt Geschnulze
Die beiden in der Reihe shodoku veröffentlichten Bände haben etwa den gleichen Umfang. Liebe und andere Lügengeschichten enthält 23 kurze, blue nur eine lange Erzählung. Alle Geschichten handeln von der Liebe oder ihrer Abwesenheit, von Anziehung und Anstoßung, von Hoffnung und Enttäuschung. Der Anspruch der Autorin ist dabei offensichtlich, Sentimentalitäten und Kitsch zu vermeiden und hinein ins wirkliche Leben zu greifen. In der Episode „Ein freier Tag – Teil 2“ führt sie vor, wovon sie sich absetzen will: Nach einer kurzen dramatischen Verwicklung halten sich die beiden Liebenden in den Armen und es regnet Blütenblätter vom Himmel – nach dem geschwungenen Band mit der Aufschrift „Ende“ wird dem Leser aber klar, dass dies nur der Comic im Comic war. Dessen Leserin klappt ihn voller Empörung über das biedere Geschnulze zu und macht sich im Kühlschrank auf die Suche nach einem länglichen Gemüse.
Liebe und Lüge
Wie der Titel Liebe und andere Lügengeschichten ankündigt, stellt Nananan den Eros als eine Macht dar, die die Menschen zu seltsamen und moralisch äußerst fragwürdigem Handlungen veranlasst – aber auch als eine Macht, die sie für ihre nicht immer ganz lauteren Absichten einsetzen können. Gleich zu Beginn des Bandes stehen zwei Geschichten über Prostitution und auch die meisten anderen lassen wenig gute Gefühle zu. Interessanterweise steht aber am Ende eine Erzählung mit dem Titel „Das erste Mal“, in der den beiden Protagonisten tatsächlich eine behutsame und sogar zärtliche Annäherung gelingt. Eine Annäherung allerdings, die mit Sex beginnt und mit Händchen-Halten endet. Der Weg ins Glück scheint durch die Abgründe der Sexualität hindurch in die Utopie der wiedergewonnenen Unschuld zu führen: „Und irgendwann, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, gingen wir Hand in Hand.“ Auch wenn es keine roten Rosen regnet, bahnt sich hier die verdrängte Sentimentalität ihren Weg zurück an die Oberfläche.
Verwerfliche Dinge
Der Manga-Roman blue erzählt die Liebesgeschichte zweier Mädchen, deren Romanze das Ende der gemeinsamen Schulzeit nicht überdauert. Die Zeichnungen sind hier minimalistischer und ästhetisch noch überzeugender, aber es wird nicht recht deutlich, warum man sich für die eigentlich banale Handlung mit Eifersucht, Missverständnissen und Versöhnung interessieren soll. Dies liegt auch daran, dass die Haltung der Figuren, aber auch der Autorin, zur Homosexualität diffus bleiben. Einerseits scheint die gleichgeschlechtliche Beziehung für die beiden Hauptfiguren selbstverständlich und unproblematisch zu sein, sie wird in der Handlung weder durch gesellschaftliche Konventionen noch durch Anfeindungen einzelner bedroht. Andererseits spricht die Ich-Erzählerin davon, dass sie „verwerfliche Dinge“ tun. So bleibt am Ende auch offen, ob die Trennung als vernünftiger Entschluss dargestellt werden soll oder als Mutlosigkeit und Anpassung.
Der Verlag hat blue zwei knappe, aber interessante Anmerkungen zur japanischen Kultur angefügt, verschweigt dafür aber den Namen des Übersetzers. Bei den Angaben zu Kiriko Nananan wird der Beginn ihrer Arbeit an Comicromanen auf das Jahr 1966 datiert, was zwar zur Handlung von blue zu passen scheint, nicht aber dazu, dass Nananan erst 1972 geboren wurde.