Jahrelang war Wolverine, alias Logan, ein Mann ohne Gedächtnis. Seine Suche nach einer Antwort auf die Frage: „Wer bin ich?“ machte einen Großteil der Geschichten aus und verlieh den Comics um den klauenbewehrten Mutanten einen emotionalen Tiefgang, der Wolverine zu einer der beliebtesten Figuren des Marvel-Universums werden ließ. Seit Paul Jenkins' Origin von 2001 ist Wolverines Herkunft nun geklärt, und seit House of M, dass vier Jahre später erschien, ist sie auch Wolverine selbst bekannt. Doch sein Gedächtnis zurückzuerlangen hat Wolverine nicht den Frieden beschert, den er sich davon erhofft hat – denn wer zeitlebens Soldat war, hat im Keller noch einige Leichen liegen.
Leichen im Keller
Von einer dieser Leichen erzählen Vaughan und Risso in Wolverine: Logan. Wolverine suchen Erinnerungen an den zweiten Weltkrieg heim. Deswegen reist er nach Japan, wo er einige Zeit in Kriegsgefangenschaft verbracht hat. Damals gelang ihm kurz vor Kriegsende, zusammen mit dem Mutanten Warren, die Flucht, bei der ihnen die junge Witwe Atsuko half. Schnell kommt es zwischen Warren und Logan jedoch zu Spannungen; beide begehren die attraktive Frau, und Warren schreckt auch vor Gewalt nicht zurück, um sie in die Finger zu bekommen. Doch das alles wird völlig bedeutungslos, als sich ein Flugzeug namens Enola Gay nähert; Warren und Logan sind in Hiroshima...
Wolverine: Logan ist die erste Zusammenarbeit von Brian K Vaughan und Eduardo Risso. Die beiden sind Stars der amerikanischen Szene; ihre Comics verkaufen sich tausendfach, und zusammen haben sie sechs Eisner-Awards gewonnen, die höchste Auszeichnung in der Welt der Comics. Vaughans Y – The Last Men gilt zurecht als einer der interessantesten Comics der letzten Jahre, und Rissos 100 Bullets, das er zusammen mit Brian Azzarello veröffentlicht hat, ist schlicht einer der besten Comics aller Zeiten. Die Nachricht, dass Vaughan und Risso nun gemeinsam an einer Wolverine-Geschichte arbeiten, sorgte in den Fanforen deshalb für einiges an Furore. Doch um das Fazit vorwegzunehmen, Risso und Vaughan haben die Erwartungen sogar übertroffen.
Sumi-e
Vaughans Schreibstil sowie das japanische Setting erinnern stark an Frank Miller. Sehr lebendig erzählt er von dem Kampf zweier Männer um eine Frau. Wie auch bei Miller sind die Helden verschrobene Einzelgänger und haben ihre Erfahrungen mit den Schicksalsschlägen des Lebens. Trotz ihrer starken Persönlichkeiten und einem unbedingten Willen zum Überleben sind die Männer hilflos, sobald eine Frau in ihr Leben tritt. Davon erzählt Vaughan ruhig und unaufgeregt und überlässt es ansonsten dem Argentinier Eduardo Risso, das Ambiente zu definieren – eine kluge Entscheidung, denn wenn Risso eines kann, dann ist es das Evozieren von Stimmungen mit nur wenigen Strichen.
Risso macht einen fantastischen Job: In Wolverine: Logan zeigt er eine ganz neue Seite seines Schaffens. 100 Bullets zeichnete sich vor allem durch karge Bildkompositionen mit einer sehr auffälligen „low-key“- Beleuchtung aus; große Teile des Bildes verschwanden im Schatten und dem Leser blieb überlassen, sich die Hintergründe vorzustellen. In Wolverine: Logan verschmilzt dieser Stil mit den Techniken klassischer japanischer Kunst, die Risso gekonnt adaptiert. Besonders die japanische Tuschemalerei „Sumi-e“ hat es Risso angetan, was man seinen Landschaftsportraits anmerken kann. Seine Bilder strahlen eine kontemplative Ruhe aus, die scharf mit den Actionsequenzen kontrastiert und den Leser geradezu in die Geschichte hineinsaugt. Dieser andeutungsreiche Stil macht Wolverine: Logan zu einem ausgezeichneten, atmosphärisch dichten Comic, der obwohl er bei nur 84 Seiten mit 16,95 Euro recht teuer ist, sein Geld auf jeden Fall wert ist.