Spin-offs, also Ableger erfolgreicher Formate, erfreuen sich quer durch die Medienlandschaft reger Beliebtheit. Die Idee dahinter ist simpel: Kommt ein Produkt beim Konsumenten an, versucht man, dessen Erfolg auf neue Erzeugnisse zu übertragen. Die Übernahme bekannter Charaktere soll für den nötigen Wiedererkennungswert solcher Auskopplungen sorgen. Was den meisten vor allem aus dem Fernsehen bekannt sein dürfte, hat in Radio und Comic jedoch eine weitaus längere Tradition. Als bekanntestes Beispiel im Bereich der sequentiellen Kunst können wohl Peyos Schlümpfe gelten, die in einer Episode von Johann und Pfiffikus im Jahre 1958 das Licht der Welt erblickten und den Lesern so gut gefielen, dass sie ihren eigenen Comic bekamen. Während Johann und Pfiffikus heute weitgehend in Vergessenheit geraten ist, erfreut sich sein Ableger weiterhin größter Beliebt- und Bekanntheit. Ein Schicksal, das nicht vielen Spin-offs zuteil wird und – soviel sei vorweggenommen – auch Jack of Fables kaum ereilen dürfte.
…and don’t you come back no more
Doch zunächst zur Person: Jack, das ist jene Figur, die vor langer Zeit die Bohnenranke erklomm, Riesen tötete und als Jack Frost jeden Winter Eisblumen auf Fensterscheiben zaubert oder durch diverse englische Kinderreime geistert – kurzum: alle Jacks der Märchenwelt gebündelt in einer einzigen Person. Jener geniale Einfall also, den Bill Willingham vor sieben Jahren hatte, als der Autor den Charakter für seinen mehrfach prämierten Comic Fables ersann und dem er jetzt eine eigenständige Reihe widmet. Während Jack in Fables noch mit anderen Märchengestalten unerkannt im New Yorker Exil namens Fabletown lebte, verschlägt es ihn in Jack of Fables nicht ganz freiwillig auf die Highways. Mit der Verfilmung seiner Lebensgeschichte zuvor in Hollywood zu Reichtum gelangt, verschwand Jacks Glück so schnell, wie es gekommen war. Schließlich hatte er damit gegen die goldene Regel der Exilanten verstoßen: Um keinen Preis in der Menschenwelt auffallen! Folgerichtig musste er den Großteil seines Vermögens an die Gemeinschaft abtreten und Fabletown für immer den Rücken kehren. Lediglich ein Koffer voller Geld und die Kleidung am Leib waren ihm vergönnt, bevor man ihn auf die Straße setzte.
…don’t treat me so mean
Genau dort steigt Jack of Fables ein. Im ersten Panel sieht man den Sunnyboy mit den langen blonden Haaren am Straßenrand sein Glück als Tramper versuchen. Und wie es bei Jack nicht anders sein kann, schlittert er, kaum da der erste Wagen hält, auch schon ins nächste Abenteuer und mitten in die Bredouille. Die Mitfahrgelegenheit entpuppt sich als ein Haufen Entführer, der den Protagonisten in die „Golden Boughs Seniorensiedlung“ verschleppt. Diese ähnelt mit Gräben, Stacheldrahtzäunen und Wachtürmen jedoch viel eher einem Lager als dem angekündigten Altersruhesitz. Hier trifft Jack auf eine alte Bekannte, viele neue Fables, wie sich die Märchenfiguren selbst nennen, und schließlich auf den Aufseher, Mister Revise, der ihm und den Lesern den wahren Zweck des Lagers offenbart: Sein erklärtes Ziel ist es, die Fables so lange wegzusperren, bis sie bei den Menschen in Vergessenheit geraten und dadurch all ihre Magie verlieren. Solch eine Behandlung lässt sich Jack jedoch nicht bieten. Immerhin ist er durch seine Filme zur mächtigsten Märchenfigur der Welt aufgestiegen und nicht so leicht um die Ecke zu bringen. Ein Ausbruch wird ausgeheckt, um dessen Planung und Durchführung sich der erste Sammelband der Serie dreht.
I have to pack my things and go
Visuell überzeugt der Band auf voller Linie. Sowohl Tony Akins’ Zeichnungen als auch die aufwendige Umschlaggestaltung des Verlags können sich sehen lassen. Akins’ Stil ist gegenüber Fables durch eine Rücknahme der Ornamente und der Verspieltheit geprägt. Darüber hinaus lässt sich im beigefügten Skizzenbuch sehr anschaulich verfolgen, wie der Zeichner zu seiner Version der Hauptfiguren gelangte. Auch inhaltlich kann Jack of Fables punkten. In seinen guten Momenten ist der Comic nicht nur ein schlichtes Spin-off, sondern weist durch Motive, Andeutungen und Zitate über sich hinaus. Wie schon in Fables sind die Anklänge an Verfolgung, Flucht und Exil, Assimilation und Furcht vor Entdeckung unübersehbar und verleihen der originellen Idee um lebendige Märchenfiguren in der „Neuen Welt“ eine tiefere, bittere Note. Nicht ohne Grund erinnert die Geschichte an Paul Brickhills Autobiografie und zitiert deren erfolgreiche Hollywood-Verfilmung in mehreren Panels. Der Originaltitel des Bandes macht daraus keinen Hehl: The (Nearly) Great Escape.
Narrativ ergibt sich jedoch – zumindest langfristig gesehen – ein Problem im Spannungsaufbau. Selbst Lesern ohne Vorkenntnis der Fables-Comics dürfte nach der Lektüre schnell klar sein, dass Jack smarter Sunnyboy und naiv-tumber Tor, Held und tragische Figur, Gewinner und Verlierer zugleich ist; ein Comic-Sisyphos, der sich müht, nur um am Ende wieder von neuem zu beginnen. Der narrative Freiraum, den Fables alleine schon aufgrund seiner Figurenvielfalt bietet, scheint im Spinn-off durch diese Determiniertheit stark eingeschränkt. Um Jack of Fables über seinen Vorläufer hinauszuheben, müssen sich Willingham und Sturges für die nächsten Geschichten viel einfallen lassen. Denn ist das Ziel bereits vorherbestimmt, kann für die Leser nur mehr der Weg dorthin ausreichend Spannung bieten. Am Ende von Jack of Fables 1: Flucht nach vorn steht der Protagonist zumindest erwartungsgemäß genau dort, wo er angefangen hatte: mit leeren Händen und erhobenem Daumen am Straßenrand.