Der Wiener Comiczeichner, Illustrator und Filmemacher Nicolas Mahler hat mit zahlreichen Veröffentlichungen in nahezu allen Ländern der EU sowie auf der anderen Seite des großen Teichs seinen Stellenwert in der gehobenen Unterhaltung bestätigt. Dass darunter auch so manche Kuriosität zu finden ist, wie eine polnische Lizenzausgabe eines wortlosen Comics, versteht sich fast schon von selbst. Was uns der Zeichner aber in seinem neusten Werk Spam bietet – ein „Best of“ (?!) aus den 15 000 Spam-Mails seines Postfachs – überrascht auf den ersten Blick. Der anfänglichen Verwunderung folgt aber die schnelle Erkenntnis, dass niemand anderes dieses Werk hätte zeichnen können.
Mahler kombiniert aus dem Text der Betreffzeile, dem Namen des Absenders, der oft schon kaum an Witz zu übertreffen ist, dem Empfangsdatum und einer von ihm gezeichneten, thematisch adäquaten Figur rund 60 Porträts von überraschender Prägnanz. Die entstandenen Miniaturen beschäftigen sich, dem Inhalt der Spams entsprechend, größtenteils mit dem primären männlichen Geschlechtsorgan und seiner vermeintlichen „Unzulänglichkeit“ („Your baby-maker needs to be bigger“); die Texte solcher Nachrichten sind ja jedem bekannt. Wer aber Eins-zu-Eins-Umsetzungen der Texte in Bilder erwartet, muss leider enttäuscht werden. Mahler interpretiert die Texte vielmehr mit Phantasie und dem ihm eigenen verschrobenen Humor. So wird die obige Betreffzeile von „Aldo Dunlap“ in den Mund eines Tennisspielers mit prall gefüllten Hosen gelegt, der, sich seiner Männlichkeit bewusst, selbstsicher auftritt. Bei der Betrachtung jeder Seite muss man zweimal lachen: zum einen beim Lesen des Textes und zum anderen beim Anblick der Figuren im für Mahler typischen reduzierten Stil.
Einblicke in Männerseelen
Mit Spam verwandt, zumindest verschwägert, ist der schon im letzten Herbst erschienene Band Die Herrenwitz-Variationen. Der Herrenwitz, eine Variante der Zote, scheint auf den ersten Blick – vergleichbar den Spams – nicht genug Potential für eine künstlerische Adelung zu besitzen. Durch die gekonnte Interpretation des Zeichners erfährt er jedoch eine Aufwertung. Aber es sind nicht nur Herrenwitze in dem Band versammelt: Zwar spielen viele der dargebotenen Späße mit sexuellen Themen, sind bösartig und zielen gekonnt unter die Gürtellinie, manche machen aber auch unerwartet nachdenklich. So zeigt Mahler nicht den „Bad Scientist“, der ohne Skrupel danach trachtet die Menschheit auszulöschen, sondern den „Sad Scientist“, der angesichts der Bösartigkeit seiner Pläne Mitleid hat mit den armen Leuten. Sowohl bei den Herrenwitz-Variationen wie auch bei Spam versteht sich Mahler hervorragend in der Kunst, den Leser mit alltäglichen Situationen zu unterhalten. Die Illustrierung des Alltags ist das große verbindende Element im Schaffen des Künstlers.
Nichts für den Spam-Ordner
Sind Mahlers Zeichnungen bisher vorwiegend in schmalen Heftchen erschienen – Ausnahmen natürlich eingeschlossen – so kommen die beiden vorgestellten Werke wahrhaft opulent daher: gebunden und farbig. Das steht ihnen gut und macht einiges her. Trotzdem muss man anmerken, dass das Preis-Leistungs-Verhältnis, besonders bei Spam, eher ungenügend ist. Hat man doch das Büchlein auch bei intensivstem Studium in knapp zehn Minuten durchgeguckt. Vielleicht wäre es effektiver gewesen auf den festen Einband zu verzichten und so den Preis im einstelligen Bereich zu halten. Eine weite Verbreitung ist den beiden Comics dennoch zu wünschen. Die Ausstattung und die Thematik prädestinieren sie geradezu als Geschenk für Spam-geplagte Arbeitnehmer und Liebhaber des gepflegten Humors. Der potentielle Adressatenkreis geht somit weit über die Comicszene und Mahler-Fans hinaus. Die Herrenwitz-Variationen und Spam eignen sich auch für Leute, die schon alles von Loriot haben oder denen Uli Stein zu brav ist.