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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:14

Sascha Hommer: Vier Augen

19.11.2009

Kein Superheld. Nirgends.

Mit Vier Augen vollzieht der 30-jährige Sascha Hommer den rite de passage des modernen Comic-Künstlers und erzählt aus seinem Leben. Von BRIGITTE HELBLING

 

„Pffffffffffffffffffffffffffffft“, sagte die deutsche Comic-Expertise früher gerne, wenn es um Superhelden-Comics ging, denn Superhelden waren Mainstream und mit der höheren Wertigkeit von Nick Knatterton nicht zu vergleichen. Auch nicht mit Windsor McCays Little Nemo. Und erst nicht mit Asterix!

Solche Revierkämpfe fanden einiges vor dem Erwachen der Jugend statt, die gegenwärtig deutsche Comics verfertigt – aber, das ist nicht zu übersehen, die Argumente der naserümpfenden Expertise haben diese Jugend post bellum geprägt. Kein einziger von ihnen erzählt Superheldengeschichten. Stattdessen Autobiografie, Autobiografie, Autobiografie, soweit das Auge reicht, und die Frage darf doch erlaubt sein: Was liebe Jugend, habt ihr in eurem zarten Alter der Welt denn schon groß aus eurem Leben zu erzählen?

„Ich war mal ein Teenager“, antwortet die Jugend. „Ich war verliebt und wagte nicht, meine Liebe zu bekennen. Stattdessen habe ich im Wald gekifft und Bier getrunken, holderiho!“

Es war einmal ... ein Insektmann

Das neueste Exponat aus der Lebensrückschau-Welle stammt von Sascha Hommer und beäugt eine Jugend in der Schwarzwälder Provinz, wo das Dasein so trübselig wirkt wie das Szenario eines Stücks von Tschechow – nichts als schäbige kleine Dramen und eine Großstadt, die so weit weg ist, dass von ihr nicht mal die Rede ist.

Hommer, dies vorneweg, hat die Flucht geschafft. Er lebt inzwischen seit Jahren in Hamburg, wo er Illustration studiert hat. Schon während des Studiums tat er sich als einer der wesentlichen Netzknotenpunkte einer jungen, norddeutschen Comicszene hervor, er ist Mitbegründer des Verlags Kiki Post, Mitherausgeber des Comicmagazins Orang, Mitorganisator des Hamburger Comicfestivals, Mitgestalter von Comic-Radiosendungen für das Hamburger freie Senderkombinat. Er zeichnet Strips (bis vor kurzem für die Frankfurter Rundschau) und Comics; und Insekt, seine erste Langgeschichte, war einer der seltsamsten deutschen Comics der letzten Dekade.

Kamen Superhelden darin vor? Jawohl – nämlich „Insektmann“. Fiel die Hauptfigur durch übermenschliche Fähigkeiten aus dem Rahmen? Nun ... da sie ein Insekt war, ging es in der Story vor allem darum, die eigene nichtmenschliche Identität zu entdecken und damit klarzukommen. Nicht undenkbar schien damals eine Fortsetzung, die vielleicht Superinsekt hätte heißen können und den Helden in den Kampf gegen die Luftverschmutzung geschickt hätte, die in Band 1 die Menschenstadt mit dichtem Rauch überzieht.

Provinz bleibt Provinz: langweilig

Stattdessen: die Autobiografie. Formal gesehen hat Hommer in Vier Augen an zeichnerischer und vor allem erzählerischer Raffinesse erheblich zugelegt. Die schwarz-weiß-grauen Szenarien wirken reichhaltig und einladend, anders als die (experimentell) reduzierten Welten von Insekt. Eine geschickt gestrickte Rahmengeschichte führt die Hauptperson „Sascha“ im Wald seiner Kindheit ein; der Erwachsene ist dort mit einem gesichtslosen Hund unterwegs, einem Wesen wie aus dem Dämonenstall von Hayao Miyazaki, dem er von seiner Jugend erzählt. Erst lässt sich die Erzählung so langweilig an, dass der Hund einschläft. „Mach es spannender!“ fordert er dann. Und die Geschichte beginnt noch einmal von vorn.

So simpel diese Erzählspielerei daherkommt, so sehr bereitet es Vergnügen, autobiografisches Erzählen einmal nicht als streng lineares Unterfangen anzutreffen. Hund und Mann unterbrechen auch weiter die Handlung, es gibt, wie es in Gangsterfilmen heißt, zwischen ihnen noch etwas zu klären, und geklärt wird dieses Etwas schließlich auch (der Hundedämon bleibt alleine im Wald zurück). Hübsch! Und die Geschichte selbst? Nun, ganz kann uns der Rahmen von der Langeweile dieser Provinzjugend nicht befreien.

Was ja auch das Thema ist. Würde Sascha Hommer heute in Hamburg wohnen, wenn er sich im Schwarzwald weniger gelangweilt hätte? Wie Vier Augen ausführlich erläutert, halfen da selbst Drogen nicht weiter, und uns helfen sie auch nicht weiter, denn mit Trip-Abenteuern – Freunde, die sich in Monster verwandeln, einsumpfende Böden, und so weiter – ist es wie mit Träumen; so richtig spannend sind ihre Inhalte meist nur für denjenigen, dem sie widerfuhren. Vielleicht noch für Verhaltensforscher. Die kommen hier aber nicht vor.

Weg, nur weg. Jetzt, wo Hommer den rite de passage des autobiografischen Comics glücklich vollzogen hat, wollen wir uns etwas von ihm wünschen, nämlich eine Rückkehr in die Aktualität, zur Großstadt – und das am allerliebsten mit der super(helden)kruden Action-Story, die sich schon irgendwo in Insekt versteckt zu halten schien.

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