Mattéo, der Sohn eines spanischen Anarchisten, verbringt im südfranzösischen Exil eine unbeschwerte Jugend. Daran ändert sich zuerst auch wenig, als der Erste Weltkrieg ausbricht und die Franzosen kriegsbegeistert und wohlgelaunt gegen die Boches ziehen. „Einmal schnell Berlin hin und zurück“ ist die Devise. Mattéo ist zwar pazifistisch gesonnen, um seiner großen Liebe, der jungen Französin Juliette, zu gefallen, meldet er sich aber schließlich freiwillig an die Front. Weder die Sorgen der Mutter noch die schwere Verwundung seines besten Freundes können ihn von dieser Idee abbringen. Erst in den Schützengräben wird er der Grausamkeit des Krieges gewahr. Zu spät, um mit heiler Haut aus dieser Hölle zu entkommen. Wie so viele landet auch er bald verwundet in einem Lazarett. Beim anschließenden Heimaturlaub muss er feststellen, dass seine Angebetete sich einem jungen Offizier, noch dazu dem Sohn des größten Landbesitzers der Gegend, an den Hals geworfen hat. Am Boden zerstört soll er sich wieder auf den Weg in das blutige Gemetzel machen. Seine Mutter aber hat nicht vor, ihr einziges Kind zu verlieren. In der Nacht vor der Rückreise packt sie den sturzbetrunkenen Mattéo, verfrachtet ihn in ein kleines Boot und bringt ihn nach Spanien zurück, dem Land, aus dem sie erst wenige Jahre zuvor fliehen mussten.
Die Fratze des Krieges …
Nach Der Aufschub und Von Dieben und Denunzianten – beide nutzen die Zeit des Zweiten Weltkriegs als Bühne für sinnliche Liebesgeschichten – wechselt Gibrat mit dem vorliegenden Album in die nicht minder schreckliche Zeit des Ersten Weltkriegs. Dieser Krieg und seine Darstellung ist im Comic geprägt durch die Arbeiten Jacques Tardis – genannt seien nur seine Alben Soldat Varlot und Grabenkrieg. Schon deshalb muss sich Gibrat an ihm messen lassen. Tardis Geschichten illustrieren eines der grausamsten Kapitel der Weltgeschichte. Ein Menschenleben ist hier nicht mehr als Kanonenfutter, das in den Schützengräben auf den Tod wartet. Seine schwarz-weißen Zeichnungen der verquollenen und verstümmelten Toten und Verwundeten, nicht weniger schlimm als die Photographien aus dem alptraumhaften Antikriegsbuch Krieg dem Kriege von Ernst Friedrich, sind prädestiniert für solch drastische Schilderungen von Elend, Ekel, Dreck und Tod. In der textlichen Schilderung der Leiden steht Gibrat Tardi in nichts nach, doch stoßen seine Zeichnungen an diesem Punkt an eine Grenze. Ihre an Nuancen fast unendliche Farbigkeit könnte in keinem größeren Kontrast zu dem Dargestellten stehen.
… in schaurig-schönen Bildern
Doch gerade das Kolorit der in diesem Falle bittersüßen Zeichnungen ist ein Markenzeichen Gibrats. Seine Technik der Direktkolorierung, wie auch die detailliert-realistische Art, in der er Personen, besonders weibliche, und Hintergründe zeichnet, kennt nur wenig Vergleichbares. Ergänzt wird diese Explosion der Farbe in der vorliegenden Geschichte durch einen fast schon poetischen Text, der überdies auch noch bestens ins Deutsche übersetzt ist. Der Leser der Werke Gibrats sieht sich nach der Lektüre einmal mehr mit der Frage konfrontiert: Möchte der Künstler wirklich Anteilnahme am allgegenwärtigen Leid wecken und noch dazu eine historische Epoche verbildlichen? Seine Mittel, der Text, die Zeichnungen und die Farben, könnten diesem Zweck dienen. Oder nutzt er den geschichtlichen Hintergrund lediglich als interessante Staffage für sein überwiegend männliches Publikum? Geht es ihm um die Schrecken des Krieges an sich oder eher darum zu zeigen, zu welch großen Opfern ein liebender Mensch bereit ist? Denkt er womöglich, nur in Zeiten wie diesen könnte wahre Liebe entstehen? Antworten darauf muss jeder Leser für sich selbst finden. Die Könnerschaft Gibrats liegt jedenfalls darin, den Leser an dem Geschilderten teilhaben zu lassen und ihn vollkommen in seinen Bann zu ziehen. Wird Mattéo das opus magnum des Künstlers? Der Auftakt der auf vier Bände angelegten Geschichte ist zumindest sehr beindruckend.