Pseudonyme erfreuen sich im französischsprachigen Comic großer Beliebtheit. Auch Humbert Chabuel legte sich für seinen ersten eigenständigen Comic eines zu – vielleicht, um sich von seinen frühen Gehversuchen auf dem Feld der sequenziellen Kunst abzugrenzen. Immerhin waren seine Zeichnungen, die er 1996 zum Manga Kazandou beisteuerte, lediglich von durchschnittlicher Qualität. Danach nahm sich Chabuel Zeit für den nötigen Reifeprozess. Nach Engagements im Real- und Zeichentrickfilm sowie als Illustrator für Rollenspiele wagte er erst 2005 einen weiteren Versuch in der Welt der Comics: Okko, dessen zweiter Band nun auf Deutsch vorliegt und der unter seinem Künstlernahmen Hub erscheint. Bei den Geschichten um eine kleine Gruppe Dämonenjäger im Jahr 1109 ist Chabuel nun nicht mehr nur für die Zeichnungen, sondern auch für das Szenario verantwortlich.
Big in Pajan
Hub entführt den Leser in ein fiktives asiatisches Kaiserreich namens Pajan. Der Anklang ans Reich der aufgehenden Sonne ist unüberhörbar, wird im Deutschen als Anagramm noch verstärkt. Kaum verwunderlich also, dass sich Hub des klassischen Bildrepertoires aus Fernost bedient. Vegetation, Architektur, Kleidung, Lebensart und Kampfkunst – alles erinnert ans mittelalterliche Japan, unterscheidet sich jedoch in wichtigen Punkten. So jagt der Ronin Okko, ein Samurai ohne Anstellung, wahrhaftige Dämonen. Magie ist ebenso realer Bestandteil in dieser Welt wie sprechende Nagetiere, mächtige Kampfautomaten und Handfeuerwaffen, die ihren Weg erst viereinhalb Jahrhunderte später nach Japan fanden. Im Buch der Erde heften sich Okko und seine Gefährten, der Hüne Noburo, der versoffene Mönch Noshin und sein Lehrling Tikku, an die Fersen der Mönche des Karasu-Ordens. Durch jahrhundertelanges Studium ist es diesen gelungen, die Toten wiederzuerwecken, mit deren Hilfe sie das Kaiserreich zu Fall bringen wollen. Um das Blatt doch noch zu wenden, schlüpft Okko in eine andere Identität und begibt sich in die Höhle des Löwen.
Pralle Panels
Hub erzählt eine Geschichte, die mit ihren intim inszenierten Dialogen, präzise choreographierten Kampfsequenzen und überraschenden Finten nie langweilt. Für den nötigen Humor sorgen der kleine Mönch Noshin und der unbeholfene Tikku, die ein pointiertes Gegengewicht zum bedrohlichen Noburo und dem stets ernsten und wortkargen Anführer Okko bilden. Emotionen und Stimmungen weiß Hub, zusammen mit Stéphane Pelayo, durch eine breite Farbpalette geschickt zu beeinflussen. Vom leuchtenden Weiß der schneebedeckten Berge bis hin zum satten Schwarz der Nächte ist alles vertreten. Am gelungensten ist aber Hubs Umgang mit seinen Panels. Trotz einer recht konventionellen Seitenarchitektur gelingt es ihm an vielen Stellen, durch einen abrupten Wechsel von Panorama- zu Detailaufnahmen enorme Dynamik zu erzeugen. Die Einzelbilder sind häufig so vollgestopft, dass jegliche Übersicht verloren geht, was von Hubs unorthodoxer, den Sprechern nur schwer zuzuordnender Sprechblasenverwendung unterstützt wird. Gerade dieses vom Leser immer wieder abverlangte Spiel von Orientierungsverlust und Reorientierung macht Okko zu einem gelungenen Comic, für den sich Humbert Chabuel sein Pseudonym sichtlich verdient hat.