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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 15:06

Schulz: Die Peanuts. Werkausgabe Band 6: 1961-1962

19.08.2010

Unsterblicher Spaß

Im Carlsen Verlag erscheint nun im Halbjahresturnus die Ausgabe eines der größten und geradlinigsten Werke der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. JENS ESSMANN hat hineingeschaut.

 

Seit rund vier Jahren erscheint die großangelegte Peanuts Werkausgabe nun in deutscher Sprache. Der Bedeutung und dem Inhalt angemessen ist das Ganze auch liebevoll gestaltet, kommt im dezent eingefärbten Querformat mit Schutzumschlag, hat also schon rein äußerlich von der ersten bis zu den letzten Seiten (Index, Glossar und Kurzbiographie des Autors fehlen nicht) Brief und Siegel eines der großen, noch abzuschließenden Projekte der Comic-Geschichte. Knapp alle sechs Monate folgt ein weiterer Hardcover-Band, und die meist so 350 Seiten dicken Bücher versammeln im Schnitt zwei Jahre an Zeitungsstrips zu einem der umfangreicheren Werke der letzten 60 Jahre.

 

Charlie Brown hat´s akzeptiert.

Was ist zum Inhalt noch groß zu sagen? Dargestellt wird die alltäglichste Welt, die einem kleinen, kahlköpfigen Jungen mit den Psychosen eines zweimal geschiedenen Hartz-IV Empfängers, der sich nicht einmal in den Alkohol flüchten darf, nur begegnen kann. Charlie Brown - nur auf den ersten Blick zeigt er sich als Verlierer auf ganzer Linie – stellt sich dieser Welt mit der Selbstverständlichkeit eines Neugeborenen: Er lässt den Drachen wieder und wieder steigen, tritt Mal um Mal nach dem Football in Lucys viel zu flinken Händen, schwört sein Baseball-Team auf noch eine Saison voller Niederlagen ein - er wird und wird und wird nicht erwachsen.

 

Charlie Brown ist gefangen im sich unbarmherzig fortzeichnenden Dilemma ewiger, kahlköpfiger, übersensibler, schwarz-weißer, ahnender, arg- und auswegloser Kindheit. Charlie Brown hat's akzeptiert. Er verliert seinen Mut höchstens für die ungewisse Zeit eines Zeitungsstrips, der zunächst zwischen Meldungen aus einer Zeit, in der der Zweite Weltkrieg als moralischer Sieg in die Widersprüchlichkeiten der McCarthy-Ära überfloss, gequetscht war.

 

Wo Woody Allen - noch so ein wiederkehrender Geist jener Zeit - sagt, er wolle die Unsterblichkeit nicht durch sein Werk erreichen, sondern dadurch, dass er nicht sterbe, da beschreibt er wohl die Grenze zwischen seinem Zynismus und Charlie Browns ... ja, vielleicht Unsterblichkeit.

 

Charlie Brown ist nicht allein

Doch geht es hier wirklich um Charlie Brown? Nur allzu leicht vergisst man, dass die Peanuts Werkausgabe auch den größten Teil des Werks von Charles M. Schulz ausmacht, der jeden der knapp 17.000 Strips selber zeichnete, bis er 1999, nach knapp 49 Jahren Arbeit, vor seiner Krebserkrankung kapitulieren musste. Sein Comic hieß zunächst Li'l Folks, wurde aber vom Production Manager der Pioneer Press vor der Veröffentlichung des ersten Strips in Peanuts umbenannt.

 

Diese gaben schließlich am 2. Oktober 1950 ihr Debüt – gerade sieben Zeitungen bestellten den Cartoon damals. Zwei von ihnen setzten ihn dann aber auch gleich im ersten Jahr wieder ab. Die Reaktion des Verlags darauf ist heute unvorstellbar: Die Werbung wurde verstärkt. Und schon im nächsten Jahr - man hielt durch - ging es aufwärts. Zur Urbesetzung gehören neben Charlie Brown und Snoopy auch Patty und Shermy. 1951 stößt Schroeder dazu, ein Jahr später tauchen Lucy und Linus auf. Peppermint (!) Patty feiert ihren Einstand erst 1966, Woodstock 1970, Marcie 1971 und Snoopys Konkurent Spike erscheint 1979 auf dem Zeichenbrett.

 

Und so weiter. Und so fort. Zu ihren Hochzeiten konnte man Schulz' Strips in über 2.000 Zeitungen lesen. TV-Strips, Filme, ein Off-Broadway-Musical, unzählige Fanbriefe, Fanartikel und Fangenerationen folgten. Snoopy schaffte es sogar in den Louvre ... Mittlerweile gibt es die Strips in 26 Sprachen – inklusive Latein: Ein italienischer Priester glänzt mit Namensschöpfungen wie aus einem Monty Python Film: Charlie Brown und sein stoischer Freund heißen bei ihm Carolius Niger und Snoopius.

 

Charlie Brown hats geschafft

Mit der nun erscheinenden „endgültigen“ Werkausgabe bekommt man also sowohl einen mal mehr, mal weniger unterschwelligen Kommentar zum Amerika der zweiten Jahrhunderthälfte als auch ein eigenständiges Werk von Generationen übersteigendem Einfluss. Dass man den Namen des Übersetzers mit der Lupe suchen muss, während der von Diana Krall – sie hat für den vorliegenden Band das äußerst uninteressante Vorwort geschrieben – größer gesetzt ist als der von Charles Monroe Schulz, verzeiht man da schon mal.

 

Denn das abschließende Stichwortverzeichnis ist ein wertvolles Werkzeug zur Suche nach Lieblingsstrips, und der Glossar wird, wenn auch teils etwas willkürlich bestückt, ebenfalls sehr hilfreich, will man noch die kleineren Anspielungen auf die Entstehungszeit verstehen. Über die Qualität der prägnanten Zeichnungen bleibt auch nichts zu sagen, abgedruckt sind sie gestochen scharf und in angenehm zu überblickender Seiteneinteilung. Ob man sich die ganze Serie leisten können wird - ein Band kostet immerhin 29,90 € - bleibt fraglich. Ein Muss ist sie trotzdem.


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