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Mittwoch, 08. Februar 2012 | 07:48

Pascal Rabaté: Bäche und Flüsse

11.02.2010

Die einen trauen sich, die andern nicht

Nach einem Joint sieht alles anders aus: Wie der Rentner Emile die Lust am Leben wiederfindet. Von BRIGITTE HELBLING

 

Es ist im Alter wie in der Pubertät. Wenn’s um Frauen geht, preschen die einen mutig vor, während die andern sich zurückhalten – mal schauen, wie’s beim Kollegen so läuft. Anders als in der Pubertät lauert im Alter jedoch der Tod an jeder Ecke. So auch im Fall von Edmond, geschieden, ein Freund diverser Damen dank Kontaktanzeigen, der in Pascal Rabatés Bäche und Flüsse mitten im Pinselstrich (sein Hobby ist Aktmalen) mausetot vom Hocker fällt.

 

Edmonds Freund Emile gehört zu den Zögerlichen, nun hat er von dem Verstorbenen zwei Aktbilder in der Wohnung und muss sich alle Frauen in seiner Umgebung nackt vorstellen. Das ist mal schön, mal weniger, hauptsächlich aber hindert ihn die Erinnerung an seine verstorbene Jeanne daran, den Neuanfang zu wagen. Dann schon lieber sterben. In seinem roten Kastenwagen tuckert Emile ein letztes Mal durch die Gegend, in der Tasche ein Röllchen mit Schlaftabletten. Nach einer Zufallsbegegnung mit einer Hippiekommune wird alles anders: Emile raucht diverse Joints, wacht inmitten von nackter Jugend auf, wird von einer jungen Dame (erfolgreich) verführt und findet unversehens die Lust am Leben wieder.

 

Postkoitale Zuversicht

Bäche und Flüsse ist About Schmidt ohne die zermürbende Melancholie. Wie schon im Rentner-Roadmovie um Jack Nicholson sind Altersbeschwerden und die Sehnsucht nach körperlicher Nähe zentrale Themen, in spätsommerlich eingefärbter Tour-de-France-Landschaft kommen sie jedoch wesentlich schwereloser daher. Rabatés leichter Federstrich, immer an der Grenze zur Satire, scheint auf ein grundsätzlich heiteres Gemüt hinzuweisen. Selbst der alte Emile kann oft nicht anders, als mit seinen krummen Beinen über die Feldwege zu hüpfen, und die ruckeligen Fahrten seines schuhschachtelartigen Autos gehören zu den schönsten Momenten in diesem Bilderfluss.

 

Ganz anders trat Rabaté noch in Ibicus auf, dem Monumentalwerk, mit dem der 1961 geborene Künstler erstmals eine breite Aufmerksamkeit fand. Das fünfbändige Album bezieht sich auf eine Romanvorlage von Alexei Tolstoi, ist schwarzweiß gemalt und unterlegt mit einem Grundton der Hysterie; das russische Revolutionsgeschehen darin wirkt, als hätte es einer durchs Spiegelkabinett gezerrt. Bäche und Flüsse ist dagegen ruhiger, beinah verschmitzt. Es sind „die kleinen, nichts bedeutenden Dinge“ sagt Rabaté, die ihn an dieser Geschichte interessieren; sie spielt in einer Gegend, in der er selbst lebt und aufgewachsen ist. Les petits riens – dazu gehören am Ende auch Emile und seine neu gefundene Freundin, die beiden runzlig umschlungen am Fenster, den Blick mit postkoitaler Zuversicht auf die Zukunft gerichtet.

 

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