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Mittwoch, 08. Februar 2012 | 07:52

Claire Bretécher: Agrippina

18.02.2010

Wie klingt Bretécher, wenn sie lacht?

Einst war Claire Bretécher die einzige Comic-Künstlerin, die wir kannten. Nun ist, nach vielen Jahren, von der Französin ein neuer Agrippina-Band auf deutsch erschienen. Ein Anlass zur Rückbesinnung – mit BRIGITTE HELBLING.

 

Bravo war natürlich die Aufklärungs-Lektüre Nummer eins. Ende der 1970er las eine exkurrikular interessierte Schülerin aber auch die Emma. Was ist Frau, und wer sind ihre Feinde? Schlüpfriges im Comic fand sich bei Reiser, und für die weibliche Selbsterkundung war die Französin Claire Bretécher zuständig, mit einer Alben-Reihe, die schlicht Die Frustrierten hieß.

 

Humantopf voller Torheit

Die Figuren sahen aus wie zerbeulte Ausschneidepuppen. Mit spiralesk verkeilten Beinen hockten sie auf niedrigen Knautschsesseln und zerquatschten das Leben. Dabei war ziemlich klar, dass auch sie Emma gelesen hatten. Eigentlich glichen sie uns, sie waren nur älter. Zwangsläufig bedeutete das, dass sie unsere Zukunft waren. Das machte Die Frustrierten, bei aller Komik, auch ein wenig gruselig.

 

Anderseits: Es gab keine anderen Comic-Zeichnerinnen, nicht, dass wir davon gehört hätten. Es gab nur Claire Bretécher, die kein Blatt vor den Mund nahm und die Welt so zeigte, wie sie war (vermuteten wir) – ein Humantopf voller Torheit. Der Rotwein trank und rauchte und sich beim Lachen auf dem Boden kugelte und durchwegs, konsequent, entschlossen unansehnlich war. So etwas kann auch befreiend sein in einem Alter, wo der eigene Körper, bei aller gespannten Erwartung, keine Anstalten macht, sich in Claudia Schiffer zu verwandeln.

 

Sag zum Abschied leise: Au revoir

Wann ist Mme Bretécher aus unserm Leben verschwunden? Man kann auch sagen, sie wurde verdrängt. Wer weiter Comics las, wechselte irgendwann zu Seyfried und Ralf König und Frank Miller und Akira und der ganzen herrlichen Flut an Bilderware, die in den 1980ern losging und bald schon eine Menge weiterer Zeichnerinnen an die Bettkante spülte. Zu dem Stapel aus Heften und Alben trug Bretécher die Agrippina-Bände bei, aber die jugendliche Agrippina war nun unsere Vergangenheit, genauso wie Die Frustrierten unsere Zukunft gewesen waren. Für die Schwangeren gab es zuverlässig Die Mütter. Die schepsen Ausziehpuppen darin schleppten zusätzlich kugelrunde Bäuche mit sich herum, das Kreuz schmerzvoll durchgedrückt. Genauso wenig, wie wir Claudia Schiffer geworden waren, würden wir uns, in trächtigem Zustand, in eine herrlich pralle Demi Moore verwandeln. Mist!

 

Ich stelle mir Bretéchers Lachen vor. Ich stelle es mir dunkel vor, die Stimmbänder von Zigaretten angeraut, sexy. Im neuen Agrippina-Band ist hinten ein Foto der Créatrice. Sie wird in diesem Jahr 70, sie sieht aus wie eine Filmdiva. Wie eine Göttin!

 

Vielleicht ist Bretécher eine Göttin, auf Erden gekommen, um die Frauen zu lehren, sich nicht so unendlich ernst zu nehmen. Ihr nachhaltigstes Geschöpf ist dann Agrippina, die wir von Kleinkind an kennen. Auch 2010 ist Agrippina nicht wir – sie ist unsere Töchter, gebe die Göttin, dass unsere Töchter nicht werden wie Agrippina, dream on, dream on, unsere Töchter sind die schlamperte, selbstbezogene, unbekümmerte Agrippina, zumindest momentweise, weil Claire Bretécher, Comic-Künstlerin par excellence, noch immer eine Wahrheit zeichnet, die wir mit unserm eigenen Lachen, oder doch vergnügten Schmunzeln, nur ungenügend bannen können... (und wollen wir das überhaupt?)

 

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