Mit erhobenem Zeigefinger ...
Aber warum gerade ein biblischer Text, noch dazu ein Text von dem er selber sagt: „Es ist unglaublich, dass Millionen von Menschen diesen Text so ernst nehmen, aber die Menschheit ist eben verrückt“? Hat sich bei dem 66-Jährigen so etwas wie Altersfrömmigkeit eingestellt? Keineswegs. Ein für diese Branche durchaus üppiger Vorschuss in sechsstelliger Höhe mag anregend gewesen sein. Ausschlaggebend jedoch war eher die Tatsache, dass er sich so eingehend mit dem ältesten durchgängig publizierten und rezipierten Text der abendländischen Kultur, noch dazu der Grundlage dreier Weltreligionen, durchaus kritisch beschäftigen konnte.
Dass sein Thema aktueller denn je ist, beweist der schon seit geraumer Zeit schwelende und immer wieder neu ausbrechende Karikaturenstreit. Ein weiteres Indiz ist die Beschäftigung vieler anderer Künstler mit religiösen Texten. Genannt sei nur der deutsche Comiczeichner Ralf König, der in seinen Bänden Prototyp und Archetyp die gleiche Textgrundlage wie Crumb bearbeitet hat. Freilich, Königs Zugang ist eher humorvoll.
Lächerlich machen wollte Crumb nach eigenem Bekunden die Bibel durch seine mit kräftigem Strich gezogenen, schwarz-weißen Zeichnungen nicht. Eine Interpretation hat er sich verwehrt - bis auf einige Anmerkungen, die sich crumbtypisch auf die Rolle der Frau im Alten Testament beziehen und bis auf den wiederholten Hinweis auf die menschliche und nicht göttliche Urheberschaft des Textes.
Es scheint, als wollte er zu einer erneuten und intensiven Beschäftigung mit diesem Text anregen. Besonders mit Blick auf eine Zielgruppe, seine Zielgruppe, die sich ansonsten nicht unbedingt mit derartigen Themen beschäftigt, ist das löblich. Und es ist ihm gelungen, schließlich ist er ein Garant für gehaltvolle Werke. Und in Anbetracht des Erstarkens neuer fundamentaler, christlicher Gemeinschaften bis hin zu den Verfechtern des Kreationismus durchaus notwendig. Schade hingegen ist, dass die deutsche Ausgabe einen großen Makel hat.