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Donnerstag, 02. September 2010 | 19:52

Winshluss: Pinocchio

25.02.2010

Die Welt ist schlecht, ungelogen!

Mit Kinderliteratur hat dieser Pinocchio nicht mehr viel zu tun. Das Comic-Update des Klassikers ist Ausdruck einer düsteren, apokalyptischen Weltanschauung – und außerdem wunderschön anzusehen. Von NILS KURFÜRST

 

Das erste Mal zum Leben erweckt wurde Pinocchio 1881 in einer Fortsetzungsgeschichte, welche der Autor Carlo Collodi später in die Romanform überführte. Der Entwicklungsgedanke ist somit schon in der formalen Gestaltung des Originals angelegt. Zudem lässt sich Pinocchio aber auch inhaltlich als Entwicklungsroman bezeichnen. Während er eine Welt der Gegensätze durchschreitet, wird der Holzjunge verschiedenen Prüfungen unterzogen, um letztlich zu einem Menschen aus Fleisch und Blut zu werden.

 

In der Comic-Version aus der Feder des französischen Autors Winshluss sind die inhaltlichen Gegensätze gänzlich aufgehoben. Stattdessen wird die gesamte Welt dominiert vom Schlechten: Allmachtphantasien, Pornografie, Gewalt und Ausbeutung bilden den Rahmen, in welchem der stumme Pinocchio, durch seine Passivität einem Candide des 21. Jahrhunderts gleich, das Leben kennen lernt. Jenseits dieser einseitig pessimistischen Darstellung, die technologischen Fortschritt und menschlichen Niedergang häufig nebeneinander stellt, fällt jedoch eines auf: Das Schöne verschwindet bei Winshluss nicht, sondern zieht sich aus der verkommenen Wirklichkeit in die Darstellungsweise zurück.

 

Streifzug durch die Comic-Geschichte

Die Art der Darstellung in Pinocchio zeichnet sich durch einen ausufernden Eklektizismus aus und durchstreift in erfrischender Ungebundenheit alle Möglichkeiten, die das Medium Comic bietet. Erinnert der Stil zu Beginn, auch wegen der lüsternen Figuren, noch stark an Robert Crumb, so wird die Haupterzählung in Farbe alsbald durch diverse Nebengeschichten unterbrochen. In diesen Nebengeschichten dominieren grobe Bleistiftschraffuren in Schwarz oder Sepia, zumeist gehalten von handgezogenen Panels.

 

Zusätzlich dazu finden sich auch immer wieder ganzseitige, weiche Aquarelle, die ins Gedächtnis rufen, dass Comics auch gemalt werden können. Der Effekt ist ständige Bewegung, eine Ästhetik der Dynamik, die den Leser nicht etwa im Lesefluss stört, sondern vielmehr von Seite zu Seite treibt. Der bemerkenswerteste formale Aspekt an Winshluss‘ Comic liegt jedoch nicht in diesem stilistischen Abwechslungsreichtum, sondern in der wahrlich genialen Narration.

 

Sag´s mit Bildern!

Pinocchio ist fast durchweg ohne Worte gestaltet. Ausschließlich die Nebengeschichten sind mit Text versehen, ansonsten verlässt sich Winshluss auf die Aussagekraft seiner Bilder. Die Leichtigkeit, mit der man trotz der Abwesenheit von verbalen Erklärungen der Geschichte folgen kann, ist ein Beleg für die Virtuosität des Autors. So ist es beinahe bedauerlich, dass die Nebengeschichte von Jiminy Wanze so vergleichbar textlastig daherkommt, führt dieser Umstand doch nur vor, dass all die Worte kein Mehr an Inhalt transportieren können. Möglicherweise liegt allerdings auch hier der Schlüssel in der Selbstbezüglichkeit, denn Jiminy Wanze ist ein angehender Schriftsteller, der es jedoch nicht schafft, für seine Verzweiflung und seinen Weltschmerz eine angemessene Sprache zu finden, zumindest nicht mit Hilfe seiner Schreibmaschine.

 

Aller Reflexivität zum Trotz ergeht sich Winshluss nicht in reinem Formalismus. Hochaktuelle politische, soziale und ökologische Bezüge machen aus Pinocchio eine sehr offenkundige Gesellschaftskritik. Gibt es aus dieser Welt, die sich zum apokalyptisch Schlechten entwickelt hat, einen Ausweg? Wer weiß. Vielleicht will Winshluss mit der gelegentlichen, aber immer wiederkehrenden Öffnung seiner Panels andeuten, dass noch nicht alle Türen zu einer etwas besseren Wirklichkeit zugeschlagen sind. Zumindest aber beweist er mit Pinocchio, dass er es als Künstler vermag, uns düstere und doch wunderschöne Welten zugänglich zu machen.

 

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