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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:18

Willkommen in Lovecraft

25.02.2010

Die Melancholie des Mysteriösen

Willkommen in Lovecraft lautet der Untertitel von Joe Hills Comicdebüt, und auch wenn der erste Band der Serie noch keine allumfassenden Urteile zulässt, bleibt zunächst festzuhalten: Das ist kein Programm, sondern eine freundliche Referenz. Eine Verbeugung vor dem pathologischen Traditionalisten, der die verborgenen Universalängste, die die Gothic Novels beherbergten, in Gestalt längst vergessener monströser Sternenvölker zur manifesten Bedrohung der gesamten Menschheit umgestaltete. Von SVEN JACHMANN

 

Der Wahnsinn bei H. P. Lovecraft war die Kapitulation des rationalen Geistes vor der missverstandenen Menschheitsgeschichte – ihre Emanzipation war bei ihm bloß fatale Einbildung. In den Gothic Novels hingegen drängte der Verrat des Ichs an die Oberfläche – das Trauma oder die Verdrängung. Locke & Key orientiert sich deutlich am letzteren Strang und rückt das familiäre Trauma in den Fokus. Alles an dieser Erzählung ist character driven und die einzigen Stolpersteine bilden (bislang) die Einbrüche des Phantastischen.

 

Mord und Trauerarbeit

Alles beginnt mit roher Gewalt, mit der Ermordung des Schulrektors Harvey Locke, und fortan dreht sich alles um die Frage, wie der Rest der Familie mit dieser Erfahrung umgehen soll. Die Mörder waren zwei seiner Schüler, von denen nur einer das geplante Massaker überlebt, nachdem sich Harveys Frau Nina und der älteste Sohn Tyler verzweifelt zur Wehr setzten. Um Abstand zu gewinnen, zieht Nina mit ihren drei Kindern zu Harveys Bruder nach Lovecraft.

 

Das alte Landhaus verbirgt eine rätselhafte Geschichte, die mit Harveys Tod verknüpft zu sein scheint: Von den anderen unbemerkt entdeckt der jüngste Sohn Bode eine Tür, die seinen Geist vom Körper trennt, wenn er sie durchschreitet, und im Brunnen lebt ein geheimnisvolles Wesen, das Bode für seine rachsüchtigen Pläne zu manipulieren versucht.

 

Äußere Ordnung und innere Unordnung

Es ist ein latentes Unbehagen, das die vornehmlich ruhigen Sequenzen miteinander verbindet. Und es ist die Unfähigkeit zu sprechen, die die Figuren eint. Die Wiederholung ist dabei ein wichtiges Mittel: Teilweise zweiseitig werden die Figuren in breiten Panels an den äußersten Rand gedrängt, wo sie dann in ihrer Trauer verharren. Auf diese Weise verbringt Tyler die meiste Zeit der Trauerfeier alleine auf einer Bank. Gespräche drehen sich um vieles, aber nicht um die Tat. Das gilt auch innerfamiliär für die Zeit in Lovecraft. Die Trauer wird im inneren Exil bewältigt. Abwesenheit trotz der Präsenz: Natürlich mag niemand Bodes Schilderungen über seine körperlosen Expeditionen Glauben schenken. Seine anschließende Beweisführung wird von der Schwester als Schauspiel abgetan. Hier gleicht die Monotonie in der Konzeption der Panels jener langen Sequenz, in der Tyler von der Trauergesellschaft Abstand sucht.

 

Ob in der Trauer oder im Tod, alleine sind die Figuren mit sich so oder so. Die Präsenz der Ermordung wird als Rückblick eingeflochten, der sich indes später als manifeste Erinnerung offenbart. Zeitangaben verweisen zunächst auf die Objektivität des Geschehens und suggerieren eine chronologische Ordnung, im weiteren Verlauf wird aber auf diese Hinweise verzichtet: Aus dem Blick auf die Figuren wird fließend die Inspektion ihres Innenlebens, aus der äußeren Ordnung eine innere Unordnung.  Das Wesen aus dem Brunnen erscheint als die Wiederkehr des Verdrängten, als materialisiertes schlechtes Gewissen einer vergangenen, bislang in der Story nicht weiter vertieften Tat und als Gefahr gewordene Trauerarbeit, die das Schweigen zum Sprechen führen muss – die Rache des schlechten Gewissens.

 

So theoretisch und formal das nun auch klingen mag: Locke & Key vermengt Mystery und Melancholie in einer ähnlichen Art und Weise, wie man sie auch aus den Werken M. Night Shyamalans kennt. Unterhaltend und jenseits vom Drang nach der Auflösung eigenwilliger Plotpoints unter der Oberfläche gewaltig brodelnd. Ob diese Einschätzung stimmt? Die Fühler der Erzählung sind jdenfalls in solch viele Richtungen ausgestreckt, dass ich mich gerne vom Folgeband widerlegen lasse.

 

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