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Mittwoch, 08. Februar 2012 | 08:31

Wilfrid Lupano, Virginie Augustin: Alim der Gerber, Band 2 & 3

11.03.2010

Böser gut, alles gut

Der Abenteuercomic Alim der Gerber geht in die zweite und dritte Runde. MATTHIAS ROSS hat sich angeschaut, ob es sich lohnt, der Serie weiter zu folgen.

 

Das Kreuz vieler Fortsetzungen ist es, eine Handlung mit Figuren weiterführen zu müssen, deren Geschichte schon fertig erzählt ist. Viele Autoren wissen nicht so recht, wie sie die Erwartungshaltung der Leserschaft befriedigen sollen: Einerseits wollen die Leser ja etwas Neues, andererseits aber auch einfach noch mehr vom Selben, sonst würden sie ja keine Fortsetzung kaufen, sondern irgendetwas Originäres.

 

Bei dieser Gratwanderung zwischen Wiederholung und Innovation hat schon mancher Comicautor die Balance verloren und ist in den Abgrund artistischer Bedeutungslosigkeit gestürzt. Schön, dass Wilfrid Lupano und Virginie Augustin das bei Alim der Gerber nicht passiert; sie zieht es in ungekannte Höhen, ebenso wie ihren Protagonisten.

 

Über allen Gipfeln ist Ruh´

In Band 2: Die Verbannung ist Alim mitsamt Tochter Bul in die Berge geflohen. Die sind von den Kreuzzügen der Jesamethianer bislang verschont geblieben, jedoch auch nur, weil es dort für die Jesamethianer nichts zu holen gibt. Durch die Ankunft des Ketzers Alim ändert sich das jedoch. Die Jesamethianer schicken ihm ihren besten General, Torq Djihid, und dessen Soldaten hinterher. Das passt wiederum dem mächtigen Wirtschaftsführer Khelob nicht. Warum eine Armee in die Berge schicken, wenn sich durch Eroberungen im Flachland viel mehr verdienen ließe?

 

Zwischen der Veröffentlichung des ersten Bandes Das Geheimnis des Wassers (vgl. die "Titel-Magazin"-Rezension vom 16. Juli 2009) und Die Verbannung sind im französischen Original vier Jahre vergangen - und das merkt man dem Band auch an: Der Stil ist noch derselbe, doch inhaltlich ist die Alim-Reihe erwachsener und vielschichtiger geworden. Die bislang weitgehend einheitliche Führungsclique der Jesamethianer erweist sich als zerstritten und nur in Teilen so fromm, wie es bislang den Anschein hatte. Dass religiöser Eifer nur solang walten kann, bis er Wirtschaftsinteressen in die Quere kommt, ist eine besonders schöne böse Note in Die Verbannung.

 

Überhaupt sind die Bösen die eigentlichen Stars des Bandes: Der intrigante Khelob und der fanatische Djihid – nomen est omen – sind deutlich kompetentere und auch interessantere Antagonisten als Reinkohl aus dem ersten Band. Sie beweisen wieder einmal, dass die Qualität jeder Geschichte mit den Bösewichten steht und fällt: Ist der Böse gut, ist alles gut.

 

... balde ruhest auch du

Nach dem Tod einer beliebten Figur am Ende von Die Verbannung, deren Namen hier nicht verraten werden soll, gelingt Alim und Bul im dritten Band Der weiße Prophet gerade noch die Flucht vor Djihid. Man landet im Regenwald, Bul verschwindet, und Alim wird von einem Medizinmann gefangen genommen. Erst zehn Jahre später kann er sich befreien und begibt sich auf der Suche nach seiner Tochter in die Stadt Birrmo. Derweil ist auch Khelob nicht tatenlos geblieben – er hat sich an die Macht geputscht und sichert seine Stellung mit lukrativen Eroberungen. Der religiöse Eiferer Djihid schließt sich ihm widerwillig an, doch dann erblickt er im eroberten Birrmo Alim ...

 

Die gesteigerte Komplexität von Alim der Gerber drückt sich im dritten Band Der weiße Prophet nun auch in der Form aus. Erstmals wird die bislang sehr geradlinige Handlung durch Zeitsprünge und Rückblenden variiert. Deutlich mehr Dialog und Handlung führen zu kleinteiligeren Seitengliederungen und engeren Bildkompositionen, die das bisherige 48 Seiten umfassende Format sprengen und sich auf nunmehr 56 Seiten dicht aneinander drängen.

 

The Hard Work of Artwork

Das Artwork von Virginie Augustin, die sowohl zeichnet als auch koloriert, bleibt dabei auf dem bewährt hohen Niveau der vorherigen Bände, ohne dass sie an ihrem Stil groß etwas ändert. Jedoch zeigt sich über die drei Bände die volle Bandbreite ihrer künstlerischen Ausdrucksfähigkeit – Augustin erweckt unterschiedlichste Landschaften von der Wüste bis zum Regenwald und Stadtkulissen vom orientalischen Bramhalem über das tibetisch anmutende Theoba bis zum Maya-inspirierten Birrmo effektvoll zum Leben.

 

Gespannt fragt man sich, wie Lupano und Augustin die verschiedenen noch offenen Handlungsfäden im vierten Band verknüpfen wollen, der die Serie abschließen soll. Der weiße Prophet ist jedenfalls der bislang beste Band der Reihe und deshalb vielversprechend; Lupanos Schreibe ist smart, Augustins Artwork ausdrucksreich. Und dass die nervtötende Bul den kompletten Band lang verschwunden bleibt, ist auch kein Fehler.

 

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