Thomas Kistner: Fifa-MafiaFrankie Chavez: Family Treevon Michael EbmeyerAndrea Maria Schenkel: FinsterauDavid Small: Stiche. ErinnerungenKennzeichen T - 28.04.2012
... hat der renommierte Sciene-Fiction-Autor Ray Bradbury im Jahre 1953 mit Fahrenheit 451 geschaffen. Der berühmte dystopische Roman wurde nun von Tim Hamilton als Graphic Novel adaptiert. Von CHRISTIAN NEUBERT
Keine Ahnung, wie es 1966 gewesen ist, als sich der französische Filmemacher Francois Truffaut den Stoff vorgenommen hat, aber angesichts der Umsetzung als Comic werden bestimmt nicht wenige Stimmen laut werden: Um Himmels Willen, ausgerechnet Fahrenheit 451, dieses flammende Bekenntnis zum gedruckten Wort, dieser funkensprühende Appell gegen Zensur und Unterdrückung - verkinderkramt zum Comic, dieser kunterbunten Bösartigkeit des Banalen! Nicht mehr lange, bis wieder Bücher verbrannt werden!
Der Menschenschlag, der so argumentiert, gehört zu jener Zielgruppe, für die hierzulande mit wenig Aussicht auf Erfolg die Bezeichnung Graphic Novel als Logo und Kategorisierungsversuch etabliert wurde - ein Menschenschlag, der in gewisser Hinsicht ebenso unverbesserlich ist wie jener, der die Überzeugung vertritt, man könne dem faulen Spanier zumindest für seine Paella danken, denn immerhin die hat er ja echt gut gemacht. Doch genug davon – kommen wir zum Thema.
Er legt Brände - sie hat etwas entfacht
In der Zukunft von Fahrenheit 451 sind die Häuser feuerfest und der Berufsstand des Feuerwehrmannes kümmert sich nicht länger um die Brandbekämpfung. Im Gegenteil – seine Aufgabe ist es nun, Feuer zu legen: Er verbrennt Bücher. (Papier geht bei einer Temperatur von 451° Fahrenheit, was ca. 232° Celsius entspricht, in Flammen auf). Bücher sind verboten, bergen sie doch die Gefahr, die Gedanken der unmündig gehaltenen Bürger, deren Gefühlswelt durch Medikamente, repressive Gesetze und übermäßigen Fernsehkonsum abgestumpft ist, auf eine Weise anzuregen, die dem Erhalt des totalitären Systems sicherlich abträglich wäre. Auf diese Weise sichert die Feuerwehr das Glück der Gesellschaft.
Held der Erzählung ist der Feuerwehrmann Guy Montag, ein treuer Staatsdiener, der seine Uniform mit Freude trägt. Doch nach einigen Zwischenfällen, denen eine scheinbar unbedeutende Plauderei mit einem 17-jährigen Mädchen vorausgeht, beginnt Montag ernste Zweifel an seinem Tun zu hegen. Das Tragen seiner Uniform, die ein Salamander ziert – das Tier, das im Feuer existieren kann – wird ihm unerträglich. Nachdem dann auch noch das Mädchen verschwindet und er in seiner Ehefrau keine Unterstützung darin findet, das Bestehende zu hinterfragen, wendet er sich hilfesuchend an einen ehemaligen Professor – und wagt schließlich eine Art Flucht nach vorn, die ihm zum Verhängnis wird. In Analogie zum ersten Kapitel der Erzählung – der heimische Herd und der Salamander – verbrennt Montag, der es im Feuer nicht länger aushält, sich ausgerechnet am heimischen Herd die Finger.
Adaption ohne inhaltliche Abstriche ...
Im Gegensatz zu Truffauts Film, der einige Aspekte des Stoffes weglässt oder verändert, hat man sich bei der Umsetzung des Romans als Comic strikt an die literarische Vorlage gehalten. Bradburys Worte hat man seziert und wichtige, den Plot organisierende Fetzen davon in kühle, düstere Bilder, die einzig von den verzehrenden Flammen aufgehellt werden, gepackt. Dabei ist es Hamilton mit seinen atmosphärischen Zeichnungen, bei denen er die einzelnen Panels auf ganzseitige Darstellungen montiert hat, gelungen, die vom totalitären System ausgehende Beklemmung und Montags Gewissenskonflikt deutlich spürbar zu machen.
... aber doch in der Form
In Anbetracht von Bradburys wunderbarer Vorlage hätte sich allerdings, um ihrem Genius gerecht zu werden, aber auch der Spannung wegen, die sich anbahnende Zerrissenheit Montags ein wenig langsamer abzeichnen können. Dass sich die Graphic Novel auf einen Bruchteil der Worte ihrer Vorlage beschränken muss, liegt in der Natur der Sache und macht es unverzichtbar, die zeichnerische Darstellung zum ebenbürtigen narrativen Element zu machen – was hier ja, wie gesagt, durchaus gelungen ist. Jedoch hätten einige Panels mehr, die die psychologische Entwicklung der Hauptfigur ein bisschen weniger rasant offenbaren würden, dem Comic sehr gut getan. Gerade am Anfang fällt Hamiltons Adaption der Anti-Utopie arg mit der Tür ins Haus.
Dieses Manko fällt insgesamt allerdings nicht allzu sehr ins Gewicht. Vermutlich kann man es einfach nicht vermeiden, bei der Umsetzung eines Stoffes in ein anderes Medium einige Abstriche zu machen. Deswegen können die kleinen, formalen Mängel, die einem wohl ohnehin nur dann deutlich vor Augen treten, wenn man die Vorlage kennt, nicht sonderlich an der allgemeinen Qualität rütteln.
Komplettiert wird der bei Eichborn erschienene Band – der Verlag hat in Zukunft anscheinend vor, vermehrt auf das Medium Comic zu setzen – durch ein Vorwort von Ray Bradbury himself.
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