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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 15:41

Gazzotti / Vehlmann: Allein 4. Die roten Hügel

09.09.2010

Was wäre, wenn...

… über Nacht alle Erwachsenen vom Antlitz der Erde verschwunden wären und nur eine Handvoll Kinder noch durch die Straßen der Städte und durch die Länder ziehen würde? Das wäre doch super, wäre da nicht, wie in der Mystery-Serie Allein, die Frage nach dem Warum. Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Im vorliegenden Album Die roten Hügel, dem mittlerweile vierten der Reihe, wird das Geheimnis um das Verschwinden aller Erwachsenen zwar noch nicht gelüftet. Der Band aus der Hand des Künstlerduos Gazzotti und Vehlmann schreitet aber mit großen Schritten auf ein Finale furioso zu, ohne dabei den Spaß zu kurz kommen zu lassen.

 

Die bunte Gruppe der Heranwachsenden ist, nachdem sie im Vorgängerband einen Ausflug aufs Land und dort die Bekanntschaft mit einem kleinen Diktator gemacht hat, wieder in die Stadt zurückgekehrt. Dort haben sie sich eine Festung gebaut und versuchen so gut, wie es eben möglich ist, den Alltag zu organisieren. Dass sie dabei nicht nur ums blanke Überleben kämpfen müssen, sondern auch die kindlichen Bedürfnisse befriedigt werden wollen, ist ein überaus netter und liebenswerter Aspekt, der die ganze Serie durchzieht.

 

Die mehr oder weniger vorhandene Harmonie der Gruppe wird jedoch durch das Erscheinen des aus dem zweiten Band bekannten, schwer verletzten „Herrn der Messer“ gestört. Der geistig verwirrte Jugendliche scheint angegriffen worden zu sein, das Baby, das er immer beschützt hat, ist verschwunden. Den Kindern ist bald klar, dass die aus dem Zirkus ausgebrochenen Tiere, allen voran die Affen, etwas damit zu tun haben müssen. Und so bereiten sie sich auf die Befreiung des Kleinen vor. Aber warum verhalten sich die Zirkustiere so komisch? Was hat es mit den von diesen scheinbar willkürlich aufgehäuften und mit roter Farbe beschmierten Müllhügeln auf sich? Und wer unter den Kindern spielt ein falsches Spiel und warum?

 

Wahrlich kein Kinderspiel

Endzeitgeschichten sind nicht erst seit dem Erfolg von Filmen wie 28 Days Later oder I Am Legend wieder groß in Mode, wenn sie denn überhaupt je „out“ waren. Der ungebrochene Strom an Filmen, Büchern und Comics zu diesem Thema, unter anderem die zahlreichen Zombie-Filme, scheint das Gegenteil zu beweisen. Seit der US-Fernsehserie Lost macht sich aber eine neue Ausprägung dieser Geschichten mit einem starkem übersinnlichem Einschlag breit. Miträtseln und mitfiebern, eigene Theorien erdenken, genau das macht auch Allein aus. Die Geschichte verdichtet sich für den Leser in diesem Band zu einem an Spannung kaum zu überbietenden Konglomerat aus unterschiedlichen Erklärungen für die Gründe der Situation der Kinder, den obligatorischen Cliffhanger natürlich mit eingeschlossen.

 

Und auch eine weitere Komponente spielt mit und sorgt für die nötige Auflockerung: die Vorstellung, was wäre, wenn man ganz allein Zuhause, in der Stadt, in einem Land oder auf der Erde wäre. Würde man, ohne aufs Geld schauen zu müssen, alle nur erdenklichen Schätze um sich scharen, Schmuck, Kunstwerke oder vielleicht auch nur einen eigenen Fuhrpark mit Nobelkarossen? Aus kindlicher Sicht hat das natürlich wenig Sinn, in diesem Schlaraffenland ist es einzig und allein wichtig, eine unendliche Zahl an Spielzeug zu sammeln oder seinen eigenen Streichelzoo anzulegen. Alles ist erlaubt.

 

Furchtbar allein

Diese Ausgewogenheit zwischen Spaß, Spiel und nervenaufreibender Spannung macht die Serie, deren erster Zyklus mit dem nächsten Band einen Abschluss finden soll, so lesenswert. Die Geschichte sprüht nur so von liebevollen Ideen, die das Zusammenleben der Kinder im Detail interessanter und wirklichkeitsnäher machen.

 

Die im Funny-Stil gehaltenen Zeichnungen aus der Feder von Bruno Gazzotti wirken auf den ersten Blick nicht unbedingt geeignet, eine solch heterogene und erwachsene Geschichte zu illustrieren. Hinter den kindlichen Bildern – Gazzotti war lange Zeit für das belgische (Kinder-)Comic-Magazin Spirou tätig – verbirgt sich aber das Grausen in seiner schlimmsten Form, in der von Andeutungen und Vermutungen. Somit schaffen die Bilder gerade in dieser Diskrepanz zwischen Gezeichnetem und Geschehenem eine Stimmung, die am Nervenkostüm des Lesers nagt. Dem Leser wird das Fürchten gelehrt. Unglaublich, aber wahr, Allein ist nichts für späte Stunden und sensible Gemüter!


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