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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 04:58

Nicolas Mahler: Pornografie und Selbstmord u.a.

22.04.2010

Mal wieder Mahler

Pornografie und Selbstmord – unter diesem bizarren Titel erscheinen die gesammelten Geschichten Nicolas Mahlers aus der Titanic. Wer jetzt auch nur den Hauch von Erotik oder ein Gefühl von Niedergeschlagenheit erwartet, kennt Mahler schlecht und wird enttäuscht sein. Alle anderen werden das Buch lieben. Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Doch zuerst zu zwei anderen in den vergangenen Monaten veröffentlichten Arbeiten des Wiener Vielzeichners. Schon letzten Herbst ist der mittlerweile dritte Band der Reihe Flaschko – der Mann in der Heizdecke erschienen. In dem Album, das den Titel Die Müllsekte trägt, geht es wieder um das verständlicherweise schwierige Verhältnis zwischen dem fröstelnden Stubenhocker Flaschko und seiner putzfreudigen Mutter. In den kurzen Strips – mehrere ergeben wie gehabt eine lose zusammenhängende Geschichte – geht es diesmal unter anderem um die vermeintliche Schwangerschaft der Mutter, ihren neuen Job als Putzfrau bei der NASA oder die Affinität des Sohnes zu den Satanisten.

 

Am erstaunlichsten ist die Tatsache, dass das kleine Flaschko-Universum trotz seiner sehr begrenzten Ausmaße und der kargen Ausstattung (Flaschko in Heizdecke, Fernseher und Mutter) immer noch genug Möglichkeiten für einen Witz bietet. Obwohl, wenn man ehrlich ist, muss man zugeben, dass der Band schwächer ist als seine Vorgänger. Dies mag mit der über weite Strecken andauernden Sprachlosigkeit Flaschkos zusammenhängen. Ist er es doch, der sonst stets mit seinen beißenden Kommentaren die Aussagen der Mutter in die Leere laufen lässt.

 

Leiden eines Schriftstellers

Was bei Flaschko schon unübersehbar zu Tage tritt, nämlich die Kunst der ständigen Wiederholung der Bilder und gleichzeitig die Variation des Inhalts, erlebt ihren Höhepunkt in Längen und Kürzen – zumindest in den darin abgedruckten Comics. Mit diesem Buch hat Mahler nichts Geringeres als den ersten Band seines schriftstellerischen Gesamtwerks vorgelegt. Oder so ähnlich. Denn das Bändchen, das vollmundig und scherzhaft ankündigt, alles zu versammeln, was Mahler in seinen Schubladen finden konnte, kommt eher schmalbrüstig daher. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, Mahler sei ein sehr ordentlicher Mensch, der seinen Schreibtisch regelmäßig aufräumt.

 

Dass aber, wie bekannt, Klasse nicht unbedingt immer Masse sein muss, beweisen die auf den überschaubaren 128 Seiten versammelten „Briefe, Postkarten, Faxe, Gedichte“, ein Roman und die schon erwähnten Comics. In ihnen spielt Mahler auf vielseitige Weise mit den Facetten des Literaturbetriebs im Allgemeinen und den (fingierten?) Widrigkeiten eines Autors (er selbst?) auf der Suche nach einem Verleger. Dass Mahler nicht nur im Medium des Comics brillieren kann, beweist er mit den lustigen und geistreichen Texten. Zum Beispiel in den Postkarten an Dorothee, in denen er seine Fortschritte und Rückschläge in der Produktion seines Werks dokumentiert. Die ultimative Mahler-Gesamtausgabe ist das vorliegende Büchlein zwar noch nicht, gerne würde man seine teilweise an sehr entlegenen Stellen publizierten Arbeiten in einem Buch versammelt sehen. Aber auf jeden Fall ist Längen und Kürzen ein netter Anfang.

 

Mahler auf Reisen

In Pornografie und Selbstmord berichtet Mahler ein weiteres Mal aus seinem Leben. Und er ist in Bestform. Die kurzen Episoden erzählen von abstrusen und unglaublichen Begebenheiten, die dem Künstler widerfahren zu sein scheinen. Wie beispielsweise die Verleihung des Förderpreises für Comics von Seiten des österreichischen Ministeriums für Kunst und Kultur, obwohl keiner der Juroren seine Werke gelesen hat. Besonders beißend sind seine Auslassungen über die gänzlich unerotischen Reisen zu Comicveranstaltungen. Hier hält er dem Leser den Spiegel vor die Augen. Besser: Er schlägt ihn ihm mit voller Wucht ins Gesicht. Rücksicht zu nehmen auf irgendwelche Befindlichkeiten zählt eben nicht zu seinen Stärken. Zum Glück. 

 

Und dennoch, trotz aller Härte verbirgt sich bei Mahler hinter dem vordergründigen Witz immer auch eine andere, philosophische Bedeutungsebene. Gerade das macht seinen Humor so erfrischend anders. Erfrischend anders in der Ausarbeitung der Geschichten ist auch jedes der drei Bücher.  Mahler liefert mit jedem von ihnen ein neues Kleinod abwegigen Humors ab.

 

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