Weniger wäre mehr
Dabei ist Marvels einer der höchst gelobten Comics aller Zeiten. Mit fünf Harvey und drei Eisner Awards ausgezeichnet, stellte Marvels sowohl für Busiek als auch für Ross den großen Durchbruch dar. Man fragt sich allerdings, warum eigentlich. Sicher – die Idee einer Superheldengeschichte aus der Sicht der Normalsterblichen ist clever, aber besonders gut erzählt ist die Graphic Novel nicht: Das Leben Sheldons ist nur am Rande mit den Ereignissen um die Superhelden verbunden, die eines nach dem anderen durchgehastet werden. Dabei wird jeder halbwegs wichtigen Figur des großen, weiten Marvel-Universums ein Auftritt gegönnt, nur um sie nach ein oder zwei Bildern auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. Weniger wäre hier mehr gewesen.
Schmerzlich vermisst man in der deutschen Übersetzung den Anhang der amerikanischen Ausgabe, in der detailliert aufgelistet wird, auf welche Comics hier angespielt wird. Ebenso schade ist es um das „Making Of“ der US-Ausgabe, in der Künstler Alex Ross genau seinen Arbeitsprozess darlegt. Ross arbeitet mit Aquarell- und Gouachefarben und kreiert damit verblüffend fotorealistische Gemälde, die er dann als Panels aneinanderfügt. Der Wirklichkeitseindruck seiner an Richard Estes erinnernden Bilder ist sensationell und passt deshalb thematisch wunderbar zu einer Geschichte, deren Protagonist ein Fotograf ist.
Leider fällt die Geschichte hinter die malerische Qualität von Marvels zurück. Das Artwork ist der beste Teil des Comics und wahrscheinlich der eigentliche Grund für die Popularität von Marvels. Wen Geschichten aus dem Leben von normalen Menschen in einer Welt voller Superhelden interessieren, der sollte zu Astro-City greifen, bei dem Kurt Busiek die Umsetzung dieser Idee besser gelungen ist.