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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:22

Kurt Busiek / Alex Ross: Marvels

13.05.2010

Ein Universum voller Helden

Ein echter Klassiker, obwohl erst 15 Jahre alt! Deshalb legt Panini die vierteilige Graphic Novel jetzt als Trade Paperback neu auf. MATTHIAS ROSS ist von der Arbeit seines Namensvetters schwer beeindruckt.

 

In der amerikanischen Comicszene hat es sich eingebürgert, dass alle Superheldengeschichten eines Verlages in einem gemeinsamen Universum spielen. Das soll heißen, dass zum Beispiel Superman und Batman einander regelmäßig begegnen und gelegentlich einen Gangster gemeinsam auf's Korn nehmen können. Als Konsequenz ist ein solches Universum angefüllt mit tausenden von Superhelden.

 

Kurt Busiek und Alex Ross haben sich gefragt, wie das Leben in so einer Welt für einen Menschen aussieht, der über keine besonderen Kräfte verfügt und Marvels ist ihre bildgewaltige Antwort darauf. 

 

Das Auge des Betrachters

Marvels spielt, wie man sich beim Namen vielleicht schon denken kann, im Universum des Verlagshauses Marvel, das von so illustren Heroen wie den Fantastic Four, Hulk oder Captain America bevölkert wird. Protagonist von Marvels ist Phil Sheldon, ein kleiner Fotoreporter beim Daily Bugle, wo auch Peter Parker arbeitet, wenn er sich nicht gerade als Spiderman durch die Straßenschluchten von New York schwingt. Durch Sheldons Augen – oder besser gesagt durch sein Auge, denn er hat nur eines – erleben wir die gesamte Marvel-Historie mit, von der Geburt der Menschlichen Fackel bis hin zum Tod von Gwen Stacy.

 

Der kleine Zyklop

Leider hat Kurt Busiek die Idee, die Geschichte des Marvel-Universums aus den Augen des kleinen Mannes zu erzählen - ein bisschen übertrieben. Phil Sheldon, der Held von Marvels, ist nämlich ein wirklich winziger Mann: Ohne Ambitionen, mehr zu sein als ein Fotoreporter, ist er zufrieden, ein kleines Licht an der Peripherie der strahlenden Superhelden zu sein. Er hat ein so spießig-bewunderndes Verhältnis und Gottvertrauen zu den Helden, dass man es nur noch als religiös beschreiben kann. Fromme Menschen sind aber nun mal zumeist einfach furchtbar öde Gestalten. Das wird auch nicht besser, wenn man ihnen, wie Busiek und Ross es mit Sheldon tun, eine Augenklappe verpasst. Im Gegenteil: Es wirkt im doppelten Wortsinn aufgesetzt und ziemlich albern.

 

Weniger wäre mehr

Dabei ist Marvels einer der höchst gelobten Comics aller Zeiten. Mit fünf Harvey und drei Eisner Awards ausgezeichnet, stellte Marvels sowohl für Busiek als auch für Ross den großen Durchbruch dar. Man fragt sich allerdings, warum eigentlich. Sicher – die Idee einer Superheldengeschichte aus der Sicht der Normalsterblichen ist clever, aber besonders gut erzählt ist die Graphic Novel nicht: Das Leben Sheldons ist nur am Rande mit den Ereignissen um die Superhelden verbunden, die eines nach dem anderen durchgehastet werden. Dabei wird jeder halbwegs wichtigen Figur des großen, weiten Marvel-Universums ein Auftritt gegönnt, nur um sie nach ein oder zwei Bildern auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen. Weniger wäre hier mehr gewesen.

 

Schmerzlich vermisst man in der deutschen Übersetzung den Anhang der amerikanischen Ausgabe, in der detailliert aufgelistet wird, auf welche Comics hier angespielt wird. Ebenso schade ist es um das „Making Of“ der US-Ausgabe, in der Künstler Alex Ross genau seinen Arbeitsprozess darlegt. Ross arbeitet mit Aquarell- und Gouachefarben und kreiert damit verblüffend fotorealistische Gemälde, die er dann als Panels aneinanderfügt. Der Wirklichkeitseindruck seiner an Richard Estes erinnernden Bilder ist sensationell und passt deshalb thematisch wunderbar zu einer Geschichte, deren Protagonist ein Fotograf ist.

 

Leider fällt die Geschichte hinter die malerische Qualität von Marvels zurück. Das Artwork ist der beste Teil des Comics und wahrscheinlich der eigentliche Grund für die Popularität von Marvels. Wen Geschichten aus dem Leben von normalen Menschen in einer Welt voller Superhelden interessieren, der sollte zu Astro-City greifen, bei dem Kurt Busiek die Umsetzung dieser Idee besser gelungen ist.

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