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Joe Sacco: Palästina

06.05.2010

,,Disneyland von Schmutz und Elend!"

Anfang der 90er Jahre – gegen Ende der 1. Intifada – wollte der Journalist und Comiczeichner Joe Sacco mit eigenen Augen sehen, wie es in den Städten und Flüchtlingslagern in Palästina zugeht. Jetzt sind seine Comicreportagen erneut auf Deutsch veröffentlicht worden. Von MARTIN GRAMLICH

 

Schon vor fünf Jahren hat der Zweitausendeins Verlag Palästina herausgebracht; die neue Ausgabe der Edition Moderne unterscheidet sich davon nur in zwei Punkten: Ihr Format ist etwas kleiner, und sie enthält ein Vorwort, das entscheidend ist für die Einordnung dessen, was folgt.  Sacco erklärt in ihm, dass es seine Absicht war, nur eine Seite des Nahostkonflikts darzustellen, die der Palästinenser, da der israelische Standpunkt in amerikanischen Medien omnipräsent sei. Das erklärt die für einen deutschen Leser – der in seinen Medien durchaus auch die palästinensische Seite des Konflikts vermittelt bekommt – tendenziös wirkende und für einen Reporter auch fast unverzeihliche Beschränkung auf einen Standpunkt und macht diese etwas nachvollziehbarer.

 

Folter, Schikanen, Verhaftungen

Die Sache der Palästinenser vertritt Sacco dann aber auch mustergültig: Er liefert Einblicke in den palästinensischen Alltag, in die Gedankenwelt von palästinensischen Jugendlichen und in die von Zeitzeugen der palästinensischen Vertreibung im Jahre 1948. Er führt den Leser in Flüchtlingslager, nach Hebron, Rafah, Gaza und ins Westjordanland, lässt ihn teilnehmen an Gesprächen über Arbeitslosigkeit, Langeweile und Wut, über Kopftücher und Feminismus. Er gibt Erzählungen wieder von Gefangenschaft und Folter, liefert Berichte von erschossenen Kindern, zerstörten Häusern, von Schikanen des israelischen Militärs und Folter in Verhören. Und immer wieder geht es um das Verhältnis zwischen Palästinensern und Israelis, um die Frage, ob und wie Frieden möglich ist im Nahen Osten. Die meisten seiner Gesprächspartner haben da wenig Hoffnung und bedenkt man, dass seit Saccos Reise jetzt schon fast zwanzig Jahre vergangen sind, und was sich seither getan hat, dann scheint diese Haltung zumindest realistisch.

 

 

Dunkle Wolken

Über all dem hängen in Saccos Reportagen dunkle Wolken; er war im Winter unterwegs. Zusammen mit seinen schwarzweißen Zeichnungen ergibt sich eine manchmal nur schwer zu ertragende, aber vielleicht gerade deswegen sehr angemessene Atmosphäre: trostlos, hoffnungslos, elend und düster. Dabei machen Saccos aufwendige Schraffuren, seine detaillierten Hintergründe das Geschehen außerordentlich plastisch: Er ist meist nahe an Gesichtern und mitten im Geschehen, in dynamischen Perspektiven ragen Hände oder Köpfe dem Leser entgegen; oft benutzt er auch den Blick von oben, die Perspektive eines losgelösten, scheinbar objektiven Beobachters.

 

Die Seitengestaltung passt Sacco virtuos dem Inhalt an: Erzählungen aus der Haft sind in strenge Panels vor schwarzem Hintergrund gefasst; ein Bericht von einem Besuch in einem Flüchtlingslager besteht vornehmlich aus Text mit wenigen Illustrationen. Szenen von Demonstrationen sind ohne Panelaufteilung über ganze Seiten oder Doppelseiten verteilt;  als Wimmelbilder mit unterschiedlichen Perspektiven illustrieren sie die hektische und verworrene Lage.

 

,,Wir wollen Not!"

Verwirrt von seinen Erlebnissen und seiner Rolle als Reporter erscheint zuweilen auch Sacco – oder wie erklären sich sonst einige seiner Bemerkungen:

 

„... wir wollen Gesichter, wir wollen Not, wir wollen Menschen hautnah, denen unerträgliches Leid zugefügt wurde (ich jedenfalls will das...)“

„Ohnehin bin ich nicht hier, um zu vermitteln... und seien wir ehrlich, meine Comics brauchen Konflikte; mit Frieden ist kein Blumentopf zu gewinnen.“

„Ramallah, Mann, da geht die Post ab! ... In einem Comic muss es Knallereien geben und ich bete darum, dass Ramallah sie zu bieten hat.“

„Dschabalia, das Flüchtlingslager im Gazastreifen, das man gesehen haben muss, Dreh- und Angelpunkt der Intifada, ein Disneyland von Schmutz und Elend …“

 

Ich bin mir nicht sicher, ob das Ironie oder Abgeklärtheit sein soll. Mir erscheint es unangebracht und unangemessen, und es stellt auch Saccos Methode der Reportage in ein etwas zweifelhaftes Licht. Immerhin reizt Sacco mit solchen Sätzen und seinem (absichtlich) einseitigen Standpunkt auch zum Widerspruch und motiviert, sich weiter mit dem Thema auseinander zu setzen. Vielleicht sollte sich die Edition Moderne mit dem Avant Verlag zusammentun und Palästina in einem Doppelpack mit dem Band Cargo herausgeben – darin sind Comicreportagen israelischer Künstler über Deutschland und deutscher Künstler über Israel.

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