Meter/Yelin: Gift
10.06.2010
Zwischenstopp Bremen
Ein bisschen Serienkiller, ein bisschen Geschichtsunterricht, ein bisschen Gruseln und ein bisschen Sozialkritik - und dann noch als Comic. Das sollte doch ein Selbstläufer sein?, vermutet JENS ESSMANN.
Die Geschichte der Bremer Giftmörderin Gesche Gottfried hat seit deren Hinrichtung 1831 kaum an dunkler Faszination verloren. Das erste Buch über die Frau, die in knapp fünfzehn Jahren ebensoviele Menschen vergiftet hatte - darunter ihre Ehemänner, Eltern, Kinder -, erschien nur einen Tag nach ihrer Hinrichtung. Die bekannteste Bearbeitung ist wohl Rainer Werner Fassbinders Film Bremer Freiheit (1971). Der gebürtige Bremer Peer Meter, u.a. auch der Herausgeber der Verhörakten Gottfrieds, hat nun gemeinsam mit der Zeichnerin Barbara Yelin eine Graphic Novel veröffentlicht, die die Geschichte ein weiteres Mal aufbereiten soll.
Es war einmal ...
Die Geschichte setzt bedächtig an, beginnt mit einer Zugfahrt, die in Bremen zu einem Zwischenstopp gezwungen wird. Das dadurch zerschnittene Gespräch einer älteren Frau mit ihrer jungen Sitznachbarin nimmt so eine plötzliche Wendung: Die Dame stellt sich als Schriftstellerin vor, die Jahrzehnte zuvor einen Reisebericht über die Hansestadt verfassen sollte, dort angekommen aber in den Sog der letzten Lebenstage Gesche Gottfrieds gezogen wurde. Von nun an folgen wir ihren Worten durch das düstere Bremen anno 1831.
Die namenlos bleibende Frau erscheint im Folgenden als fortschrittliche, forsche junge Autorin, die dem Pastor wie dem Richter auf Augenhöhe begegnet, deren herablassenden Blicke aufnimmt und moralische Zurechtweisungen mit Fragen nach dem Zustand der Bremer Gesellschaft kontert. Aufgewühlt von diesen Begegnungen sowie der ihr zugetragenen Geschichte der Giftmörderin fühlt sie sich schnell auf die Seite der Angeklagten geschoben, sieht sie doch die Parallelen zwischen der Borniertheit der Bremer Bürger und deren Unverständnis gegenüber den Taten der Gottfried.
Es war keinmal ...
Die Geschichte wird also mit gerunzelter Stirn im Blick nach vorne erzählt. Es wird nach dem Innenleben der Mörderin gefragt, nach sozialen Motiven, die der fromm patriarchalischen Gesellschaft verschlossen bleiben müssen. Minuten vor der Hinrichtung fliegt der Erzählerin so auch eine Erklärung für die Morde an Gottfrieds Mann und Kindern zu: Sie habe einen Liebhaber gehabt. Doch warum dann nach dem Mann auch die Kinder ermorden? Was bedeutet die von Meter aus den Verhörprotokollen zitierte Aussage, der Besitz des Giftes allein sei ihr zur Droge geworden, die ihr ein Gefühl von Macht und Kontrolle gab? Warum die scheinbare Wahllosigkeit der Morde, die grausame Geduld im Vergiften? All dem folgt man gespannt, und doch wird keine Geschichte daraus. Denn darunter, dass diese Fragen in den Plot gepresst werden, leiden die Figuren, deren Gestaltung die Psychologie vermissen lässt, die die Heldin in ihrer Recherche händeringend zu beschwören sucht.
Außer der Hauptperson nämlich begegnen wir zwar einigen Figuren, denen mal mehr, mal weniger frei die scheins akurat recherchierten Vorbilder aufgepfropft wurden. Die Mischung aus Dokumentation, Erzählung und Comic will aber nicht aufgehen, und man beginnt sich mit jeder Station der Handlung intensiver zu fragen, warum der Autor seinem Stoff nicht mehr zutraut. Die Zeichnungen Barbarba Yelins sind damit natürlich auch etwas unter Zugzwang: Einerseits müssen sie dem unter der Bürde des Dokumentarischen ächzenden Erzählstil Rechnung tragen, andererseits erwartet man von ihnen die Atmosphäre, den Zugang, der der eigentlichen Story abgeht.
Und wenn sie nicht ...
Yelin entscheidet sich für meist sehr dunkle, strikt monochrome Panels. Die Figuren und Szenerien stehen dabei in ihrer skizzenhaften Manieriertheit gegen die ruhige Seitenaufteilung. Manche Szenen, wie der Gefängnistraum der Protagonistin oder die Hinrichtung, brillieren dabei in der Spannung, die zwischen den fast kindlich runden Figurenkörpern, den gebogenen, nie gebrochenen Linien, überhaupt dem Fehlen aller Ecken und der andeutungsvollen Exaktheit des Storyboards entsteht. Andernorts wirken die handweichen Körper und märchenhaft geglätteten Gesichter aber schlicht unglaubwürdig, wenn sie die Tiefe der durch sie repräsentierten Fragen darstellen sollen.
Das Zusammenspiel von Plot und Bild steht somit leider auf recht wackligen Beinen. Leider, weil das Potential des Stoffs nur in einigen Szenen wirklich ausgereizt wird. Dann nämlich, wenn Yelin genug Platz bekommt, um den Figuren das Leben mitzugeben, das ihnen der oft nur vorbeihuschende Blick Peer Meters verwehrt. Gift ist eine durchaus unterhaltsame Lektüre, eine gute Einführung in den Fall der Gesche Gottfried – aber leider fehlt hier der Mut, eine Geschichte zu erzählen und nicht nur die Fakten mit einer Interpretation zu verbinden.
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