Nur an der Oberfläche gekratzt
Zum anderen ist Farr seine unkritische Betrachtungsweise anzukreiden. Zum Vergleich: 1970 erschien in Deutschland ein kleiner Band mit dem Titel Die Ducks aus der „Feder“ von Grobian Gans. Im Untertitel hieß es dann Psychogramm einer Sippe. Der Text widmet sich, ganz dem Zeitgeist entsprechend, der Kritik am kapitalistischen System Dagobert Ducks. Aber auch andere Einwohner Entenhausens werden auf ihre gesellschaftliche Stellung und ihr Verhalten hin durchleuchtet. Gustav Gans wird beispielsweise als homosexueller CIA-Agent enttarnt. Harter Tobak. Dennoch scheint auch ein Fünkchen Wahrheit in dieser, der „Kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule entlehnten Deutung versteckt zu sein.
Tintinologen sehen ihre Sache traditionell nicht so eng. Auch wünscht sich niemand diese Art der Interpretation des Werks Hergés. Dennoch hätte Farr über die reine Auflistung von Inhalten hinaus gehen sollen. Er verpasst die Chance, einen tieferen Blick in die Figuren zu werfen und ihr Verhalten und ihre Aktionen zu analysieren. Aus der Trunksucht Haddocks und seinem Hang zum Fluchen hätte man sicherlich mehr folgern können, als Farr es tut. Vielleicht wäre der Kapitän sogar ein Fall für die Couch. Ganz zu schweigen von den Bösewichten. Und es würde aus heutiger Sicht sicherlich nicht zu weit führen, dem kleinen Abdallah ADHS zu attestieren.
So verwehrt Farr dem Leser die Freude an der Offenbarung der Unzulänglichkeiten der Figuren, umgeht somit vielleicht auch die Dekonstruktion seiner Helden. Ob das bei dem Gutmenschen Tim überhaupt möglich wäre, ist natürlich fraglich. Vielleicht wäre es sinnvoll, den Ursprung seines ausgeprägten Gerechtigkeitssinns zu untersuchen. Sind es nur die Einflüsse pfadfinderischer Tugenden, die da prägend wirkten, oder verbergen sich unter der Oberfläche noch andere Beweggründe? Freilich, diese Denkweise erfordert Wissen, Phantasie und manchmal auch Chuzpe. All das hat Farr bestimmt, nutzt es in diesem Buch jedoch leider nicht.