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Donnerstag, 09. Februar 2012 | 08:45

Michael Farr: Tim & Co.

03.06.2010

Wer ist Tim?

Seit über 80 Jahren ist die Begeisterung für die Abenteuer des Jung-Reporters Tim, für seinen Hund Struppi und seine Freunde ungebrochen. Michael Farrs Tim & Co. ist eine weitere Huldigung dieser Helden. Mehr aber auch nicht! Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Was haben Asterix, die Ducks und Tim & Struppi gemeinsam? Sie alle sind faszinierende Comics, über die schon viel geschrieben wurde. Lange Zeit standen sie im Mittelpunkt des Interesses der Comicforschung. Hinterfragte man bei Asterix beispielsweise die realitätsnahe Darstellung der antiken Welt, in der die Story platziert ist, so stand bei Tim & Struppi lange Zeit die Editionsgeschichte im Vordergrund. Schließlich hat Hergé seine Geschichten teilweise mehrfach umgezeichnet und bisweilen auch fragwürdige Elemente beseitigt.

 

Der britische Autor Michael Farr, seines Zeichens einer der führenden „Tintinologen“ - wie die Erforscher der Werke Hergés genannt werden -, widmete sich schon in dem überaus empfehlenswerten Band Auf den Spuren von Tim & Struppi den Fragen nach dem Arbeitsprozess des Zeichners sowie seinen Vorlagen. Sein neues Buch Tim & Co. befasst sich mit den einzelnen Figuren der Serie, krankt jedoch an zwei Mankos.

 

Informationsgehalt mangelhaft

Zum einen möchte Farr zwar jeden einzelne von ihnen näher unter die Lupe nehmen, ihre Entwicklung und ihr Verhalten durchleuchten, schafft es aber nur selten über eine reine Nacherzählung der Geschichten hinaus. So erfährt der Leser nur wenig Interessantes oder gar Neues über die 12 Vorgestellten. Zur Illustration begnügt Farr sich hauptsächlich mit der vergrößerten Abbildung einzelner Panels aus den Alben. So erkennt man zwar - und darauf weist der Autor in seiner durchaus lesenswerten Einleitung auch hin -, dass diese Bilder schon solitär betrachtet kleine Kunstwerke sind, für eine weitergehende Beschäftigung ist das aber, genau wie die Informationen aus dem Text, nicht ausreichend.

 

Natürlich bieten die 23 vollendeten und das letzte, nur in Skizzen erhaltene Tim & Struppi-Album einen recht übersichtlichen Bestand an Quellenmaterial, aber im umfangreichen Archiv des Studios Hergé liegt so mancher Schatz verborgen, den es noch zu heben gilt.

 

Einen Eindruck von diesem Reichtum kann man in Auf den Spuren von Tim & Struppi gewinnen. (Besser noch ist die in Frankreich erscheinende und mittlerweile auf sechs Bände angewachsene Reihe Hergé – Chronologie d´une Œuvre dazu geeignet.) Auch schöpft das seit Herbst 2009 geöffnete Musée Hergé in Belgien aus diesen Beständen. Ein wenig mehr Hintergrundinformationen, Skizzen und Charakterstudien hätten diesem Buch also gut getan.

 

Nur an der Oberfläche gekratzt

Zum anderen ist Farr seine unkritische Betrachtungsweise anzukreiden. Zum Vergleich: 1970 erschien in Deutschland ein kleiner Band mit dem Titel Die Ducks aus der „Feder“ von Grobian Gans. Im Untertitel hieß es dann Psychogramm einer Sippe. Der Text widmet sich, ganz dem Zeitgeist entsprechend, der Kritik am kapitalistischen System Dagobert Ducks. Aber auch andere Einwohner Entenhausens werden auf ihre gesellschaftliche Stellung und ihr Verhalten hin durchleuchtet. Gustav Gans wird beispielsweise als homosexueller CIA-Agent enttarnt. Harter Tobak. Dennoch scheint auch ein Fünkchen Wahrheit in dieser, der „Kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule entlehnten Deutung versteckt zu sein.

 

Tintinologen sehen ihre Sache traditionell nicht so eng. Auch wünscht sich niemand diese Art der Interpretation des Werks Hergés. Dennoch hätte Farr über die reine Auflistung von Inhalten hinaus gehen sollen. Er verpasst die Chance, einen tieferen Blick in die Figuren zu werfen und ihr Verhalten und ihre Aktionen zu analysieren. Aus der Trunksucht Haddocks und seinem Hang zum Fluchen hätte man sicherlich mehr folgern können, als Farr es tut. Vielleicht wäre der Kapitän sogar ein Fall für die Couch. Ganz zu schweigen von den Bösewichten. Und es würde aus heutiger Sicht sicherlich nicht zu weit führen, dem kleinen Abdallah ADHS zu attestieren.

 

So verwehrt Farr dem Leser die Freude an der Offenbarung der Unzulänglichkeiten der Figuren, umgeht somit vielleicht auch die Dekonstruktion seiner Helden. Ob das bei dem Gutmenschen Tim überhaupt möglich wäre, ist natürlich fraglich. Vielleicht wäre es sinnvoll, den Ursprung seines ausgeprägten Gerechtigkeitssinns zu untersuchen. Sind es nur die Einflüsse pfadfinderischer Tugenden, die da prägend wirkten, oder verbergen sich unter der Oberfläche noch andere Beweggründe? Freilich, diese Denkweise erfordert Wissen, Phantasie und manchmal auch Chuzpe. All das hat Farr bestimmt, nutzt es in diesem Buch jedoch leider nicht.

 

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