TATORT (ORF) - Kein Entkommen (05.02.2012) Zum Tod der Literatur-Nobelpreisträgerin Wislawa Szymborska Eine Deutschemichelnachtzipfelzubettgehtirade von Michael Ebmeyer Kernnzeichen T - 27.01.2012 Stefan Lüddemann: Blockbuster - Besichtigung eines Ausstellungsformats
Donnerstag, 09. Februar 2012 | 12:01

Max und Moritz-Preise 2010

10.06.2010

Verdiente Sieger

Alle zwei Jahre während des Comic-Salons werden die Max und Moritz-Preise, die deutschen „Comic-Oscars“, verliehen. Dieses Jahr war die Spannung besonders groß und ein bisschen Ärger gab es im Vorfeld auch. Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Der Streit entbrannte, als am 19. Mai die von einer Fachjury nominierten 20 Künstler und Titel bekannt gegeben wurden. Unter den Nominierten hatte der Carlsen Verlag mit 8 Titeln ein klares Übergewicht. Andere Verlage, die derzeit zu den Publikumslieblingen zählen, wie beispielsweise Ehapa und Splitter, waren hingegen gar nicht vertreten. Vorwürfe wurden laut, die „Feuilleton-Jury“ hätte ihre Entscheidung an den kommerziell erfolgreichen Titeln vorbei gefällt; mitnichten würde sich die Vielfältigkeit der deutschen Comiclandschaft in ihrer Auswahl wiederspiegeln.

 

Für noch mehr Wirbel sorgte der dieses Jahr - sicherlich mit besten Absichten - neu ausgerufene Publikumspreis des Comic-Salons. Voraus im Internet sowie auf der Messe hatten die Besucher die Möglichkeit, ihren Favoriten zu wählen. Zur Auswahl standen jedoch nur die von der Jury benannten Werke. Was bei Filmfestspielen gängige Praxis ist, sorgte in Comic-Kreisen für Befremden. Von einer Bevormundung des Publikums und einer Geringschätzung der Leserschaft war da die Rede. Eckart Sackmann, Verleger, Comic-Forscher und Urgestein der Szene, rief im Comicforum sogar zum Boykott der Abstimmung auf und war sich auch nicht zu schade, mehrmals von den Veranstaltern das Absagen der Abstimmung zu fordern.

 

So sehr auch die Dominanz von Carlsen und von Graphic Novels in der Liste dem Betrachter quer im Magen liegen mag, festzuhalten ist: Selbst wenn 50 Titel zur Wahl gestanden wären, die Preisträger hätten nicht anders lauten können. Und von denen ist im Folgenden zu sprechen.

 

Herausragende Leistungen

Der Spannung und dem Raten im Vorfeld zuträglich war der Umstand, dass erstmals nur eine allgemeine Liste von Nominierten bekannt gegeben worden war, nicht aber für welche der fünf noch zu vergebenden Kategorien die Werke jeweils in Frage kommen würden. Geschuldet war dies der Gleichberechtigung der Werke beim Publikumspreis. Als sich am Freitagabend die Reihen des imposanten Markgrafentheaters füllten, standen hingegen schon die Preisträger für den „Sonderpreis für ein herausragendes Lebenswerk“ und den „Spezialpreis der Jury“ fest.

 

Ersteren erhielt der 1938 geborene, mit stehenden Ovationen gefeierte französische Comic-Autor Pierre Christin. Mit seinen über 80 Alben, umgesetzt von der Crème de la Crème der Comiczeichnerszene wie Annie Goetzinger, Enki Bilal, Jacques Tardi, André Juillard u.v.a., prägte er über lange Jahre hinweg den europäischen Comic. Mit dem „Spezialpreis“ für eine herausragende verlegerische Leistung wurden Eckart Schott von Salleck Publications sowie der Carlsen Verlag für ihre Will Eisner-Ausgaben ausgezeichnet. Beide pflegen das Erbe des 2005 verstorbenen Altmeisters des Comics und gehen dabei ein hohes geschäftliches Risiko ein. Die Reihe Die Spirit Archive bei Salleck erscheint in einer Auflage von nur 800 Exemplaren, Ein Vertrag mit Gott bei Carlsen ist nur durch Querfinanzierung möglich.

 

Den erst 2008 im Sinne eines Nachwuchsförderpreises ins Leben gerufenen „Sonderpreis für eine studentische Comic-Publikation“ erhielt dieses Jahr das liebevoll gestaltete Comic-Magazin Strichnin der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Augsburg.

 

Die Deutschen räumen ab

Dass die zweieinhalbstündige Gala, moderiert in bekannt quirliger Art von Hella von Sinnen und dem gewohnt gediegenen Denis Scheck, nicht in eine öde Veranstaltung abdriftete, ist auch dem Humor der Preisträger zu verdanken. Ralf König, ausgezeichnet mit dem Max und Moritz-Preis in der Kategorie „Bester Comic-Strip“ (Prototyp und Archetyp), gab Reaktionen der Leser seiner kritischen Interpretationen von Bibelgeschichten zum Besten.

 

Auch die Preisträgerin des „Besten Comics für Kinder“, Nadia Budde mit Such dir was aus, aber beeil dich!, hatte die Lacher auf ihrer Seite. Und das obwohl sie gar nicht anwesend war. Eine kurze Lesung aus ihrem Buch, improvisiert von Hella von Sinnen, verdeutlichte ihre Preiswürdigkeit und ließ bei den Zuhörern Erinnerungen an die eigene Kindheit aufkommen.

 

Vollkommen zu Recht wurde Jens Harder für Alpha ...directions als „bester deutschsprachiger Comic“ ausgezeichnet. Dieses Opus magnum, das auf drei Bände angelegt ist und die Geschichte der Erde bis in die ferne Zukunft erzählen will, wird auch künftig die verschiedenen Comic-Preise dominieren. Der erste Band, 360 Seiten dick, der 14 Milliarden Jahre vom Entstehen des Kosmos bis zum Auftreten des Menschen visualisiert, ist eine monumentale und vielschichtige Erzählung - nicht zuletzt über die Sinnlosigkeit der Suche nach dem Sinn des Lebens.

 

Nicht weniger mächtig an Seiten - 192 an der Zahl! - ist der Preisträger in der Kategorie „Bester internationaler Comic“, in der gleich acht Werke nominiert waren. Auch Pinocchio von dem französischen Comic-Künstler Winshluss ist kein Werk, das einen leichten Zugang verspricht. Diese bitterböse Variation des klassischen Romans von Carlo Collodi kommt nicht aus ohne Gewalt, Sex, kriegsgeile Kapitalisten und religiöse Fundamentalisten. Es ist nicht zuletzt gerade deswegen ein wunderschönes, modernes Märchen.

 

Viel Lärm um Nichts

Die befürchtete Farce war schnell vergessen, als die sichtlich erfreute Gewinnerin des Publikumspreises bekannt gegeben wurde: Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens von Ulli Lust wäre leer ausgegangen, hätten nicht die Leser für diesen schonungslosen, autobiographischen Comic Partei ergriffen. Somit erhellt sich auch die Absicht der Initiatoren des Preises. Bei aller Objektivität und Routine der Juroren sind diese doch versucht, die zu vergebenden Preise möglichst breit zu fächern. Ein Publikumspreis ist da ein Element der Unsicherheit, das Spontaneität erzeugt.

 

Einer fehlt noch. Der Preisträger in der mit 5000 Euro dotierten Kategorie „Bester deutschsprachiger Comic-Künstler“. Dieser wurde - noch ein Novum! - in einer öffentlichen, natürlich perfekt einstudierten und auf der Bühne zelebrierten Jurysitzung gefunden. Der Zuschauer wusste nicht, ob er sich ob soviel Offenheit geschmeichelt oder eher peinlich berührt fühlen sollte. Hoffentlich wird diese Variante der Gewinnerfindung nach dem Prinzip des Trial-and-Error bei der nächsten Preisverleihung nicht mehr angewendet. Am Ende gewann mit einer Stimme Vorsprung Nicolas Mahler, der bereits 2006 („Bester deutschsprachiger Comic“, Das Unbehagen) und 2008 („Bester Comic-Strip“, Flaschko – der Mann mit der Heizdecke) Preise erhalten hatte. Laut Begründung der Jury ist Mahler ein Genie und "Genies sollte man alle Preise hinterherwerfen, die man hat“.

 

Mahler hatte dazu nur eins zu sagen: "Könn´ mer Schluss machen?"

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unter einem D/A/CH

Schreng Schreng und Krikel Krakel. Zwischen Berlin, St.Gallen und Wien rührt sich was. Musiker mit Esprit, Humor und Durst begleiten uns von der ersten Liebe bis ...

Fernsehverbot für den Verfassungsschutz

Das Fernsehen gibt uns immer wieder Rätsel auf. Ich frage mich beispielsweise seit Jahren, wer eigentlich die Live-Übertragungen aus dem Bundestag kuckt? Alle paar Monate schluchzen ...

Bonsoir Tristesse

Jean Cayrol gehört zu den großen Unbekannten der französischen Nachkriegsliteratur. Sein Roman Im Bereich einer Nacht (L'espace d'une nuit) erschien ...

Movie Mystery Theater 1931

»Kino ist ein besonderer Ort, an den wir gehen können, um etwas zu sehen.« So erklärt Hugo Cabret sein zentrales Motiv. Die Worte, die mit ...

Alles, nur kaum Eier

Verrückte Hühner kennen alle – kein Zweifel, dass es sie wirklich gibt. Heinz Janisch erzählt, wie ein Bauer an seinem jedoch fast verzweifelt. Sein verrücktes ...

Harder.
Faster.
Louder!

Frank Schäfer, mit universitären Würden ausgestatteter Geisteswissenschaftler, Autor, Kritiker, Hobbymusiker und eingefleischter Metal-Fan hat eine Interviewsammlung zum Thema Heavy ...