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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:24

Jim / Fane: Sonnenfinsternis

17.06.2010

Infantile Fluchten

Chronik einer kollektiven Entfremdung, aber ganz und gar nicht abweisend: In Sonnenfinsternis wird der Urlaub zur emotionalen Belastungsprobe – allerdings in verstörend vergnüglicher Art und Weise. Von SVEN JACHMANN

 

Wahrhaftigkeit, so liest man im Eingangsgespräch der beiden Autoren, war der Impetus, der diese Geschichte von der Idee zum Bild werden ließ. Sonnenfinsternis ist ein Jam-Comic, d.h. Jim und Fane traf sich wöchentlich acht Monate lang und improvisierten sich zu gleichen Teilen durch eine Story-Idee, in der jeder für drei Figuren verantwortlich zeichnete.

 

Wichtigste Bedingung: die Bereitschaft emotional (und selbstredend auch technisch) „alles offen zu legen“. Das mag auf den ersten Blick wenig greifbar und theoretisch impraktikabel klingen, aber auch wenn die Autorenschaft nicht eindeutig identifiziert werden kann, ist nach der Lektüre doch zu ahnen, dass in dieser Mixtur aus gescheiterten Liebeskonzepten, passiv-aggressiven Freundschaften und verpassten Lebenschancen viel Anteilnahme ihrer Urheber verborgen liegt.

 

Regression und Verdrängung

Der Plot ist schnell erzählt: Sechs Freunde in den Mittdreißigern nutzen eine bald einsetzende Sonnenfinsternis, um gemeinsam vier Tage in einem Ferienhaus in der französischen Provinz zu verbringen. Das Vorhaben offenbart sich jedoch zunehmend als Bestandsprobe, weil zum einen Ereignisse der Vergangenheit immer wieder die Illusion der gegenwärtigen Idylle überschatten, vor allem aber, weil genau genommen bloß von fünf Freunden die Rede sein kann – und das bringt wiederum die Sicherheit der Konstellation ins Wanken. Dadurch eröffnet sich beiläufig der Raum für die leitmotivischen Fragen nach der Loyalität von Freundschaften und dem Fundament von Beziehungen.

 

Denn für Jean-Pierre ist dieser Urlaub vor allem Anlass, seiner Ehe zu entfliehen, und sich, wenn auch ängstlich und unsicher, mit der 19-jährigen Chatbekanntschaft Jan zu vergnügen, die wiederum wesentlich ernstere Absichten hegt, aber nicht artikuliert. Zu Jean-Pierre gesellt sich Dominique, sein egozentrischeres Pendant und Initiator der Reise. Beide sind, trotz eines doch gelegentlich recht unterkühlt zynischen Verhältnisses, Verbündete im Geiste. Dominique erhofft die Absolution für eine Jahre zurückliegenden Affäre, indem er seine Frau Isabelle und seine Geliebte Helena in der Hoffnung miteinander konfrontiert, die einstigen Freundinnen könnten sich so wieder gegenseitig annähern. Komplettiert wird das Sextett von Hubert, dem Kasper und Quotenschwulen der Gruppe, dessen Singlenöten niemand die gebotene Aufmerksamkeit schenkt.

 

Das Konfliktpotential ist also nicht gering, und es ist den pointiert eingesetzten stilistischen Finessen und humoristischen Brechungen zu verdanken, dass diese Chronik einer kollektiven Entfremdung nicht ganz und gar abweisend wirkt. Und trotzdem von Anfang an ambivalent bleibt. Die karikaturesken schwarzweißen Zeichnungen fokussieren das Mimenspiel – und Sonnenfinsternis ist, vor jeder Beschreibung interaktiver Dynamiken, die Suche nach enttäuschten Gesten –, aber der präzis skizzierte Stil ruft unentwegt die Flüchtigkeit der schönen Augenblicke ins Gedächtnis.

 

Die heiteren Momente, die die vorausgegangenen Streits in Ausgelassenheit vergessen lassen, bleiben infantile Fluchten, voll situativer Lebensfreude zwar, aber letztlich regressive Verkleidungen des Unvermögens, die zuvor verteilten Boshaftigkeiten ernst zu nehmen. Eine Erzählerstimme, die die Selbsttäuschung und Lebenslügen beider zusätzlich unterstreicht, erhalten nur Dominique und Jean Pierre; dadurch wird auch die Widersprüchlichkeit ihrer Taten und der dahinter verborgenen Bedürfnisse deutlich. Jedes Stilmittel scheint nur recht, um das schwarze Loch verborgener Sehnsüchte zu erhellen: Lachen als Verdrängung, Sex als Narkotikum.

 

Zaghaftes Happy End

Ein Panorama der Abgründe also, an dessen Ende eine unüberbrückbare (und nebenbei höchst vergnügliche) Katharsis wartet, wenn sich alle sechs am Tisch eines skurrilen Restaurants den kompromittierenden Fragen der noch skurrileren Sylvaine-Alain stellen müssen, der Küchenchefin und Herzheilerin in Personalunion, einer gelassen sarkastischen Psychoanalytikerin. Danach jedenfalls haben sich alle Rollensicherheiten verflüchtigt.

 

Das zaghafte Happy End ist trügerisch, die Charaktere sind gebrochen. Es ist der Geschichte hoch anzurechnen, dass sie den Spagat aus Tragik, Reflexion und sommerlicher Unbeschwertheit spielerisch aushält, alles Widersprüchliche vereint, was Paaren immer wieder den Glauben an ihre unantastbare Einzigartigkeit injiziert, während sie die Reproduktion ihrer Reproduktion reproduzieren. So wird aus Sonnenfinsternis kein Abgesang, sondern dessen bessere und klügere Variante: nämlich eine ziemlich düstere Meditation über eine ganze Menge Mechanismen, die die Liebe zu erdulden hat.

 

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