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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:24

Zum Tod des Underground-Comicautors Harvey Pekar

15.07.2010

Außergewöhnliche Alltäglichkeit

Nahezu alle Literatur lebt von der Darstellung des Auffälligen, Abweichenden, irgendwie Ungewöhnlichen. Das gilt für Comics als im Großen und Ganzen grafisch-literarische Unterhaltungsform besonders. Der Amerikaner Harvey Pekar hat sich allerdings um diese Grundbedingung des Schreibens nie geschert. In seinen Comics mit dem Sammeltitel „American Splendor“ machte er konsequent sein weitgehend ereignisloses, unambitioniertes Leben zum Thema. Zusammen mit hochrangigen Undergroundzeichnern formte er faszinierende Geschichten daraus. Jetzt ist er 70-jährig in seiner Heimatstadt Cleveland/Ohio gestorben. Ein Nachruf von ANDREAS ALT

 

Harvey Pekar versagte sich nicht nur jegliche Dramatisierung seiner Comic-Autobiografie. Er blieb auch entschieden in der Gegenwart. Er sammelte abstrakte Kunst und Jazzmusik und schrieb Musik- und Literaturkritiken sowie Kurzgeschichten, aber wie er dazu gekommen war, war für ihn kaum je ein Thema. Eher schon verarbeitete er seinen geradezu lächerlichen Job als Archivar im Veteran’s Administration Hospital in Cleveland zu Comics. Daneben scheinen aber vor allem zwei Dinge in seinem Leben wichtig gewesen zu sein: 1962 lernte er den jungen Robert Crumb kennen, der in Cleveland als Postkartenillustrator arbeitete. Und 1983 heiratete er die Comicbookshop-Mitarbeiterin Joyce Brabner, einen glühenden Fan seiner „American Splendor“-Comics.

 

Robert Crumb musste für ihn zeichnen

Mit Crumb teilte er zunächst die Leidenschaft für Jazz und das Stöbern auf Flohmärkten nach wertvollen alten Platten. Aber 1968 war Crumb mit „Zap Comics“ einer der Auslöser der Undergroundcomic-Bewegung. Er verkaufte sein Heft, in dem er die Hippiekultur dokumentierte und zugleich auf die Schippe nahm, direkt in deren Zentrum Haight-Ashbury in San Francisco und begann dann nach und nach, sein eigenes Leben am Rande dieser Szene zum Gegenstand seiner Comics zu machen. Obwohl Pekar in Cleveland blieb, riss der Kontakt zu Crumb nicht ab. Er wurde von der Faszination der Comics angesteckt, und weil er überzeugt war, nicht zeichnen zu können, überredete er Crumb, nach seinen Entwürfen auch Comics über „the Life and Times of Harvey Pekar“ zu produzieren – noch radikalere, weil er zu keiner Szene gehörte und sich an keinem Brennpunkt der Kultur befand. 1972 entstand der erste Pekar-Comic, 1976 erschien die erste Ausgabe von „American Splendor“ und ab da bis zuletzt etwa jährlich eine weitere.

 

Nach allem, was zu erfahren ist, hatte „American Splendor“ zwar eine treue Fangemeinde, verkaufte aber miserabel, und das, obwohl Pekar eine Weile special guest in der David-Letterman-Show war, wo er als moserndes, alle Konventionen ignorierendes Original Furore machte, was allerdings naturgemäß den Werbekunden missfiel. Es muss für ihn eine bemerkenswerte Erfahrung gewesen sein, einem Fan wie Joyce Brabner gegenüberzustehen, die sein neuestes Heft in ihrem Laden verpasst hatte und sich deshalb hilfesuchend direkt an den Autor wandte. Jedoch brach Pekar auch hier mächtige Erzähltraditionen, indem er auf jegliche Romantik verzichtete und sich ganz auf den nicht einfachen Ehealltag zweier schwieriger Menschen konzentrierte, die freilich trotzdem zusammen blieben. Zwei frühere Ehefrauen hatten ihn sitzen lassen.

 

Der Kinofilm macht ihn auch hier bekannt

Pekar gelingt es stets, einen ehrlichen Blick auf sein Leben zu werfen samt allen Fehlschlägen, Krankheiten und nervigen Zeitgenossen, mit denen er konfrontiert ist, und den Leser dennoch damit anzurühren und ihn auch ein bisschen für sich einzunehmen. Neben Crumb stellten übrigens etliche weitere amerikanische Comickünstler Pekar ihre grafischen Fähigkeiten zur Verfügung, nach Aussage von Crumb jeweils gegen bescheidenes Honorar. Sie sind allerdings hier zu Lande weniger bekannt. Aber auch die Berühmtheit Crumbs, der seit Jahrzehnten vom Verlag Zweitausendeins in aller Breite in Deutschland publiziert wird, hat auf Pekar und „American Splendor“ lange nicht abgefärbt. Das änderte sich erst mit dem Kinofilm „American Splendor“ von 2003, einer der seltenen gelungenen Comicverfilmungen, für den die Regisseure Shari Springer Berman und Robert Pulcini beim Filmfestival in Cannes und beim Sundance Festival Preise erhielten.

 

In diesem Film wird die Atmosphäre der Comics gut eingefangen. Die einzelnen Comicstorys werden zu einer durchgängigen Lebensgeschichte zusammengesetzt, der aber weiter jegliche Dramaturgie fehlt – und die sie auch nicht braucht. Zugleich treiben die Regisseure ein kleines Vexierspiel, indem sie den Film-Pekar (Paul Giamatti) mehrmals gegen den realen, mindestens 20 Jahre älteren Pekar schneiden. Es gibt eine schön gestaltete und gut ausgestattete DVD von Sunfilm Entertainment. Auch für den Rezensenten war es damals eine Überraschung, dass die dem Film zu Grunde liegenden Comics teilweise mehr als 25 Jahre alt waren. Bis heute muss man im Wesentlichen auf die amerikanischen Originale zurückgreifen, wenn man sie lesen will.

 

Sein Leben als Comic war für ihn eine Katharsis

Sein Leben in einen fortgesetzten langen Comic zu verwandeln, dürfte für Pekar eine Therapie gewesen sein. Besonders deutlich wird das in seiner hervorstechenden Arbeit, „My Cancer Year“, die er 1994 mit seiner Frau Joyce schrieb. Sie dokumentierten darin auch die Folgebehandlung seines Lymphdrüsenkrebses wahrheitsgetreu bis hin zu den Selbstmordgedanken, die ihn bisweilen überfielen. Er selbst spricht von einer Katharsis, die seine Comics ihm ermöglichten und die er auch den Lesern wünscht. „Our Cancer Year“ wurde 1995 mit dem Harvey Award (erinnert an den EC- und MAD-Künstler Harvey Kurtzman) als bestes Album ausgezeichnet. Pekar hat der Graphic Novel im Allgemeinen und der autobiografischen im Besonderen (von Chester Browns „Playboy Stories“ bis zu Craig Thompsons „Blankets“) mit den Weg geebnet und doch bis heute mit „American Splendor“ eine eigene Qualität bewahrt. Vergangenen Montag wurde Pekar von seiner Frau leblos in seiner Wohnung aufgefunden. Er wurde 70 Jahre alt. Nicht schlecht für einen, der von mancherlei Gebrechen gequält und stets von der Angst vor Krankheiten verfolgt wurde.


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