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Freitag, 25. Mai 2012 | 15:24

Loustal / Malès / Moynot: s&l noir

22.07.2010

Aller guten Dinge ...

Mit einem kleinen Paukenschlag startet der Münchner Comic-Verlag Schreiber&Leser sein neues Krimi-Label s&l noir. Drei Titel, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, bilden einen vielversprechenden Auftakt. Von CHRISTOPHER FRANZ

 

Außer dem identischen Format eint die Werke ihre hohe erzählerische wie künstlerische Qualität. Neben einem neuen Album des bekannten Zeichners Jacques Loustal und einer neuen Geschichte um die Comic- und Romanfigur Nestor Burma, diesmal nicht von Tardi umgesetzt, startet die Reihe mit einer an amerikanische Krimis der 50er Jahre erinnernde Geschichte aus der Feder des hierzulande noch weitestgehend unbekannten Marc Malès. Spannende Unterhaltung ist somit auf jeden Fall geboten, wobei das letztgenannte Album sich überraschenderweise als Höhepunkt entpuppt.

 

In Coronado stellt Loustal erneut sein zeichnerisches Können unter Beweis. Als Vorlage diente die Erzählung Bis Gwen von Dennis Lehane.

 

Als der junge Bobby aus der Haft entlassen wird, wartet sein Vater, nicht gerade vorbildlich, mit einem gestohlenen Auto, Drogen und einer Prostituierten auf ihn. Gesessen hat Bobby für einen missglückten Diebstahl, bei dem er durch eine Verletzung sein Gedächtnis und somit auch die Erinnerung an den Verbleib der Beute verloren hat. Für den Sohn ist schnell klar, dass das Interesse seines Vaters nicht unbedingt ihm gilt …

 

Der Hauptakzent dieser solide erzählten und mit je zwei Bildern pro Seite recht schnell ausgelesenen Geschichte liegt klar auf dem Grafischen. Und eben dort liegt auch das Talent Loustals. Die Farbigkeit der Zeichnungen ist beeindruckend, scheinbar leuchten sie aus sich selber heraus. Die Bilder, gemäldegleich und im Moment nur mit den Arbeiten Enki Bilals oder Lorenzo Mattottis vergleichbar, ziehen den Leser in ihren Bann und wirken lang über das kurze Lesevergnügen hinaus.

 

Ein Klassiker in neuem Kleid

Zugegeben: Es fällt schwer sich an den Nestor Burma Emmanuel Moynots zu gewöhnen, wenn man die Comic-Adaptionen Jacques Tardis kennt. Dieser hat vorerst das Interesse daran verloren, weitere Episoden dieser ebenso erfolgreichen wie trivialen Krimireihe des Pariser Autors Léo Malet zu produzieren. Die Verleger wollten das gewinnbringende Projekt dennoch nicht aufgeben und haben mit Moynot auf Empfehlung Tardis einen Epigonen gefunden, der bisher 3 Burma-Alben abgeliefert hat. Die lange Nacht von Saint Germain des Prés ist das erste Werk des seit 1981 tätigen Künstlers, das auf Deutsch erscheint.

 

Anfreunden mag man sich aber nicht sogleich mit Moynots Bearbeitung des Stoffs. Zwar wurde wiederholt auf seinen, von Tardi unabhängigen Zeichenstil hingewiesen, so ganz der Wahrheit entspricht das aber nicht. Schließlich wird explizit auf Tardis Urheberschaft der gezeichneten Figuren hingewiesen und auch in der Komposition so manches Panels erkennt man leicht das Vorbild.

 

Dass der Band nicht ganz im Gros des Mittelmaßes versinkt, hat er der Romanvorlage Malets aus dem Jahr 1955 zu verdanken. Dieser hat mit seiner 15-bändigen Reihe Die neuen Geheimnisse von Paris (frei nach Eugène Sue) ein Trivialepos geschaffen, das weit über seinen literarischen Anspruch hinaus Bekanntheit erlangt hat. Seine Hauptfigur, der Privatdetektiv Nestor Burma, der in jeder Geschichte in einem anderen Pariser Arrondissement ermittelt, wird in diesen frühen Vorläufern der heute so beliebten Regionalkrimis immer wieder in undurchsichtige Fälle verwickelt, aus denen er sich stets charmant und mit ein wenig Glück rettet. Die Adaptionen Tardis verstärkten den Reiz der Bücher. Moynot hingegen liefert reine Auftragsarbeiten ab, die weitestgehend von Tardi inspiriert scheinen. Vielleicht hätte an dieser Stelle mehr künstlerische Freiheit Wunder gewirkt?

 

Auf der schiefen Bahn

Als wahres Kleinod hingegen erweist sich der Band Die Packard Gang von Marc Malès, der in Deutschland bisher durch zwei Comic-Biografien zu Dashiell Hammett und Ernest Hemingway nur mäßige Bekanntheit erlangt hat. In SW-Zeichnungen breitet er auf 144 Seiten die Geschichte um Barton, einen alternden und einsamen Polizisten im Amerika der 1950er Jahre, aus.

 

Als dieser erfährt, dass ein vor Jahren von ihm verhafteter Bankräuber bei der damaligen Gerichtsverhandlung trotz seiner Unschuld einen Mord auf sich genommen hat und somit nur knapp der Todesstrafe entgangen ist, kann er dies nicht begreifen. Er macht sich auf die Suche nach dem ehemaligen Häftling. Der lebt, durch seine Haftstrafe scheinbar geläutert, in einer kleinen Landgemeinde, wo er sich, getreu dem Ideal des „Rural America“, kleinbürgerlich und streng gläubig mit seiner Familie eine bodenständige Existenz aufgebaut hat. Mit den Mitteln des Großstadtpolizisten versucht Barton hinter die damaligen Beweggründe zu kommen und offenbart dabei zusehends eigene Probleme und seine pessimistische Weltsicht.

 

Was den Band zu einem ersten Höhepunkt der Reihe macht, ist die Erzählweise, die trotz der gradlinigen, stets vorhersehbaren und klischeehaften Handlung den Leser durch ihr fast schon filmisches Voranschreiten in den Bann zieht. Bilder des Film Noir flackern unweigerlich vor dem inneren Auge auf, genauso wie man sich von den teilweise unübersichtlichen und durch schwarze Flächen verschatteten Zeichnungen an klassische Krimi-Comics wie Will Eisners Spirit oder Dick Tracy erinnert fühlt.

 

Die drei Bände sind, besonders in ihrem Dreiklang, ein Highlight dieses Comic-Sommers. Wegen ihrer Heterogenität sind sie aber auch jeder für sich uneingeschränkt zu empfehlen. Auch Moynots Nestor Burma hat sicherlich eine Chance verdient …


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