Sachlichkeit und Verfremdung
Noch jungenhafter als der auf der Kinoleinwand brillant von Peter Lorre verkörperte Filmmörder sieht Muths Tätergestalt aus. Ein kindergesichtiger Kindermörder, der das Mörderlied mitsummt.
Mord, Razzia, Die Jagd und Der Prozess betitelt Muth die vier Kapitel seiner Graphic Novel. Und besonders für die wortlosen Momente des Schreckens findet er eine kongeniale Bildersprache. Ein menschenförmiger Luftballon fliegt wie eine Kinderseele in eine Stromleitung. Das Taschenmesser des Mörders durchschneidet einen roten Apfel, ein Lockgeschenk an ein Mädchen, wie Menschenfleisch. Muth kürzt die ausgedehnte filmische Täterverfolgung und steigert die Spannungskurve bis zur Konfrontation zwischen Verbrecher und Verbrecherorganisation.
Noch intensiver als Fritz Lang in seinem Kinofilm konzipiert Muth den Täter als Leerstelle. Ein Synonym für Furcht, welches selbst von Furcht vor der Entdeckung und dem inneren Unhold getrieben wird: “Da ist einer hinter mir her. Das bin ich selber.”
Heute könnte sich die beklemmende Handlung ähnlich abspielen. Im Wechselspiel zwischen Sachlichkeit und Verfremdung erinnert die molochartige Betonlandschaft in Jon J. Muths Zeichnungen an eine moderne Metropole. Mit seinen unvergesslichen Bildern ist Muths M - Eine Stadt jagt einen Mörder ein Brückenschlag zwischen dem Klassiker von 1931 und der Moderne. Symbolistische Motive transportieren den fast dokumentarischen Bildinhalt auf eine psychologische Ebene.
Kinder huschen in M durch Straßen, schlendern vor Schaufenster, singen in Hinterhöfen zu Beginn. Am Ende sind sie abwesend. Die Stadt hat sie gefressen, der Schwarze Mann hat sie geholt.
Dreh dich nicht um, der Plumpsack geht rum. Fängt er mich, fängt er dich …
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